Vor allem der ständige Kommunikationsdruck lastete schwer auf ihm: Als Generalsekretär müsse man schließlich überall mitreden – das klang in der Theorie nach Freiheit, fühlte sich für ihn in der Praxis aber wie dauerhafte Verpflichtung an. "Man wird zwangsläufig zur Flipperkugel — überall stoßt man an, wird hin- und hergeschleudert", sagt Kühnert rückblickend über seine drei Jahre inmitten der Ampel-Koalition. Folglich habe man ihm gelegentlich vorgeworfen, nicht mehr kantig genug zu sein, "und ehrlich gesagt, hatte das schon seine Richtigkeit". Im Herbst 2024 zog er überraschend für viele die Konsequenzen und trat zurück.
Inzwischen schlägt er andere Töne an: Nach einer bewussten Pause engagiert sich Kühnert nun vielseitig – er schreibt für den "Rolling Stone", wirkt im DGB an Rentenfragen mit, moderiert die Gesprächsreihe "Missverstehen Sie mich richtig" in Berlin und setzt sich als Lobbyist für soziale Finanzpolitik bei "Finanzwende" ein. Politisch ist ein Comeback für ihn keineswegs ausgeschlossen – ganz aufgeben will er den alten Weg offenbar nicht.
Kühnerts Zeit als SPD-Generalsekretär war von Überforderung, Rollenkonflikten und permanentem Erwartungsdruck geprägt – ein Thema, das er mittlerweile sehr offen reflektiert. Die Intensität der politischen Arbeit, vor allem die ständige Erreichbarkeit und das Bedürfnis, zu jedem Thema eine Meinung zu haben, zehrte stark an ihm. Doch nach dem Rücktritt hat Kühnert sich bewusst neu aufgestellt, balanciert gesellschaftliches Engagement mit medienwirksamen Auftritten und hält sich die Tür für einen politischen Neustart offen. Ergänzend zeigt die aktuelle Berichterstattung: Die Erneuerung der SPD bleibt ein Dauerthema, insbesondere angesichts anhaltender Kritik an der Ampelkoalition, schwankender Werte und der Suche nach profilierenden Figuren. Die SPD sieht sich unter Druck, nach anhaltendem Abschneiden in Umfragen neue Impulse zu setzen – die personellen und inhaltlichen Debatten um Kühnert sind damit Teil einer viel breiteren, parteiintern geführten Neuorientierung. Frische Stimmen und Kritik an alten Routinen durch (ehemalige) Generalsekretäre werden in der Partei wahrgenommen – auch als Impuls für einen parteiinternen Wandel.