Kaum sind die Lichter nach den Demos gegen digitale Gewalt gefallen, meldet sich Collien Fernandes zu Wort – und zwar mit Nachdruck. Sie sieht die Gefahr, dass nach dem kurzen Aufregerschub alles wieder ins Leere läuft.
Appell: Nicht wieder einschlafen lassen
Fernandes warnt davor, das Thema nach kurzer medialer Aufmerksamkeit wieder wegzuschieben. „Ich wünsche mir wirklich, dass die Wut und Energie nicht verpufft, weil so viel zu tun bleibt“, sagt sie – und man spürt, da schwingt eigene Frustration mit. Veränderung, so ihre Hoffnung, braucht andauernde, nervige Hartnäckigkeit.
Abwehr, Ausreden, Ablenkung
Die Reaktionen vieler Männer auf ihre Schilderungen machen Fernandes regelrecht sprachlos. Statt zuzuhören, schieben viele reflexartig die Sorge vor, zu Unrecht ins Visier zu geraten. „Dieses ewige: ‚Nicht alle Männer‘ – dabei erzählt man gerade von echter, ganz konkreter Gewalt“, sagte sie. Das fühlt sich für viele an wie Gaslighting in Dauerschleife.
Stempeln statt zuhören
Auch das Abwerten feministischer Stimmen zu „Männerhasserinnen“ kommt Fernandes bekannt vor. Sie macht klar: Es geht nicht um Abrechnung, sondern schlicht um Gerechtigkeit und Sicherheit. Doch sobald Frauen ihre Erfahrungen öffentlich machen, landen sie oft am Pranger.
Mut zum Austausch
Fernandes ruft betroffene Frauen dazu auf, nicht einzuknicken. Der Weg in Selbsthilfegruppen oder Netzwerke kann, so ihre Erfahrung, sehr heilsam sein – und manchmal ist der erste Schritt wirklich nur: drüber reden. „Auch wenn euch nicht geglaubt wird – bleibt dran. Sprecht eure Wahrheit aus!“
Gemeinsam Muster erkennen
Einzeln fühlt sich vieles nach Zufall an – doch der Austausch öffnet oft die Augen dafür, wie ähnlich die Erfahrungen sind. „Man merkt, wie wenig Einzelfall das alles ist“, sagt Fernandes. Und manchmal gibt das ein wenig Kraft zurück, wenigstens das.
Mehr als nur böse Kommentare
Digitale Gewalt bleibt ein Sammelbegriff – für Drohungen, für das Leiden unter geleakten Fotos, das Gefühl pausenloser Überwachung oder Hetze im Netz. Vor Jahren hätte man das vielleicht ‚irgendwas mit Internet‘ genannt. Inzwischen versteht jeder, wie verheerend und real die Folgen sind – psychisch, sozial, manchmal sogar existenziell.
Altbekannte Muster, neue Kanäle
Fernandes’ Beobachtung: Viele Männer schotten sich ab, sobald sie solche Geschichten hören – als seien sie automatisch mit gemeint. Dabei könnte ein bisschen mehr Zuhören helfen, die Strukturen hinter der Gewalt besser zu durchschauen. Die Reflexe – Verteidigen, Relativieren oder Gleichgültigkeit – zementieren das Problem, statt zu helfen.
Protest auf der Straße, Debatte in der Politik
So laut wie jetzt war die Diskussion um digitale Gewalt selten. Immer mehr Aktionen und öffentliche Kampagnen machen den Druck sichtbar – und die Politik diskutiert über neue Gesetze, fachkundige Anlaufstellen und gezieltere Prävention. Doch wie so oft: Zwischen Worten und Taten klafft noch eine Lücke.
Es geht ums Ganze
Was bleibt? Betroffene stark machen, Unterstützung anbieten und die Verantwortung nicht nur bei den Opfern abladen. Denn mit jeder Geschichte, jedem offenen Gespräch wird deutlicher, worüber wir hier reden: um handfeste Rechtelosigkeit und die Frage, wem wir wirklich zuhören wollen.