Es klingt schon fast wie ein Ritual: Kaum schlägt jemand aus der Wirtschaft vor, die Wochenarbeitszeit in deutschen Schlüsselindustrien wie Metall und Elektro wieder anzuheben, hagelt es Contra vom Bündnis aus SPD und Gewerkschaften. Vizefraktionschefin Dagmar Schmidt betont, dass die 35-Stunden-Woche eben das Resultat harter Verhandlungen sei und Arbeitgeber jetzt nicht einfach so zurück in alte Zustände rutschen könnten.
Arbeitsmarktpolitikerin Annika Klose wird deutlich: Eine längere Wochenarbeitszeit ohne Ausgleich sei schlicht unfair – und wirtschaftlich auch ziemlich kurz gedacht. Denn die eigentlichen Herausforderungen seien längst andere: Besser qualifizierte Beschäftigte, der Sprung zu mehr Innovation und eine stabile Produktivität. Gerade im Personalwettbewerb um kluge Köpfe, auch international, biete das Modell enorme Vorteile.
Sebastian Roloff sieht einen Denkfehler darin, wenn Unternehmen nur die Arbeitskosten in den Fokus rücken: Deutschlands Stärke bestand immer darin, durch Klasse statt Masse zu überzeugen. Er verweist obendrein auf bestehende betriebliche Regelungen – in der Not würde durchaus gemeinsam nach Lösungen gesucht.
Die ablehnende Haltung wird in der IG Metall fast schon zum Glaubenssatz: Wer am Arbeitszeitmodell rüttelt, dem geht es dabei am Ende meist auch um Lohnreduzierung, moniert Nadine Boguslawski. Längere Arbeitszeiten, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, führten eher zu höheren Risiken für Arbeitslosigkeit als zu Wachstum. Wer so etwas trotzdem fordere, müsse mit Protesten rechnen.
In Baden-Württemberg sieht Barbara Resch ein Zurückdrehen der Uhr sogar als industriepolitisches Armutszeugnis: Produktivität und gute Tarifbedingungen seien eben zwei Seiten derselben Medaille. Dass Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen existieren – und trotzdem selbst in Branchen wie der Chemie nur sehr zurückhaltend genutzt werden – darauf weist Oliver Heinrich hin. Im Endeffekt vermuten viele Gewerkschafter, dass hinter solchen Debatten eher Ablenkung von anderen, echten Problemen steckt: Innovationsdefizite, aber auch geopolitische Unsicherheiten.
Im Kern geht es beim Konflikt um die 35-Stunden-Woche um eine sehr grundsätzliche Frage: Wie hält man eine Schlüsselbranche einerseits wettbewerbsfähig und andererseits attraktiv und fair für ihre Mitarbeiter? Während Vertreter:innen von SPD und Gewerkschaften die Vorteile der verkürzten Arbeitszeit betonen – von der besseren Vereinbarkeit bis zur Signalwirkung für Fachkräfte aus dem Ausland –, werfen sie der Wirtschaft ein Ablenkungsmanöver vor: Die eigentlichen Baustellen seien Innovationsschwäche oder der zu geringe Wandel der Unternehmen, nicht die Länge der Arbeitszeit. In aktuellen Medienberichten der letzten Tage zeigt sich, dass mehrere Unternehmen trotz der Debatte keine Pläne haben, über die Öffnungsklauseln hinauszugehen, und viele Analysten in längeren Arbeitszeiten ohnehin keinen ökonomischen Hebel mehr für spürbares Wachstum sehen – vielmehr stünde die Absicherung sozialer Leistungsfähigkeit und die Modernisierung der Branchen im Vordergrund.