Ein Blick auf die Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) wirkt fast schon wie ein Weckruf: Ohne Zuwanderung aus Drittstaaten und der EU würden in Ostdeutschlands Flächenländern rund 191.000 Arbeitsplätze für qualifizierte Beschäftigte wegbrechen. Das sind, anders gesagt, über fünf Prozent weniger Menschen, die sozialversicherungspflichtig arbeiten – eine Ansage, die einen erst mal schlucken lässt.
Weniger deutsche Fachkräfte, andere tragen immer mehr
Seit 2019 nimmt die Zahl an deutschen Fachkräften ab – ein Trend, der sich nicht mehr einfach wegrechnet. Zwar helfen EU-Bürger längst nicht mehr so wie noch vor einigen Jahren, doch Menschen aus Ländern außerhalb der EU werden zum Rückgrat ganzer Berufsfelder. Fachkräfteexperte Fabian Semsarha vom IW Köln bringt es auf den Punkt: Ohne diese Zuwanderung wäre so etwas wie Stabilität auf dem Arbeitsmarkt für viele Unternehmen eine Illusion. Fast 160.000 internationale Fachkräfte halten mittlerweile die Engpassberufe am Laufen. Ohne sie? Da stünde einiges still, egal ob im Krankenhaus, in der Küche oder auf den Straßen Ostdeutschlands. Fast ein Viertel der Berufskraftfahrer hat keinen deutschen Pass, ähnlich viele sind es bei Ärzten und Köchen.
Große Unterschiede je nach Bundesland
Das Bild bleibt dennoch uneinheitlich: Während in Sachsen-Anhalt und Thüringen trotz Zuzug die Zahl der Beschäftigten sinkt, sorgt Migration in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sogar für einen Zuwachs. Sachsen bleibt als Sonderfall, wo sowohl die Zahl der deutschen wie auch die der ausländischen Fachkräfte steigen. Dass Eingebürgerte in den Statistiken kaum auffallen, weil sie fortan als "deutsch" gelten, versteckt das wahre Ausmaß der internationalen Arbeitsleistungen. Laut IW-Studie wurden zwischen 2015 und 2025 rund 1,8 Millionen Menschen eingebürgert – das spricht Bände.
Politik, Gesellschaft – und die Kunst des Bleibens
Nur zu gewinnen, reicht Ostdeutschland nicht. Wer bleiben soll, benötigt mehr als einen Arbeitsvertrag: Das Klima zählt, gesellschaftlich wie politisch. Diskriminierung und Unruhe, zumal vor Landtagswahlen, beeinflussen, ob ein Neustart in Deutschland gelingt oder mutlos endet. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt positioniert sich die AfD klar gegen Zuwanderung; andere setzen auf Internationalität – daraus ergibt sich ein Spannungsfeld, das bundesweit Beachtung findet. Forscher Semsarha sagt: Deutschland ist im Wettbewerb – und das ist längst keine Metapher, sondern tägliche Realität für Fachkräfte weltweit.
Bürokratie, Willkommenskultur – und Wahlkampf
Was kann man tun? Die Studie empfiehlt den Aufbau einer zentralen Work-and-Stay-Agentur, die alltagstauglich Zuwanderung organisiert und Hürden abbaut. Die Bedeutung der Willkommenskultur wird hervorgehoben, gerade in Zeiten aufgeladener Wahlkampfdebatten. Denn schon jetzt sichern ausländische Beschäftigte Existenzen und Branchen – ein Rückgang ihrer Zahlen? Für viele Branchen würde das den Arbeitsmarkt noch stärker ins Wanken bringen. Es bleibt ein dickes Brett: Weniger Bürokratie, mehr Offenheit – aber auch der Wille, all das nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft zu denken.
Demografiedruck, Abwanderung und der internationale Arbeitsmarkt
Zu allem kommt: Ostdeutschland kämpft weiter mit Schrumpfung und Alterung. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, viele Junge zieht es immer noch Richtung Westen. Unternehmen suchen händeringend Personal, während der "klassische" Nachschub stockt. Gerade weil die EU-Zuwanderung an ihre Grenzen kommt, werden Drittstaatler für die Region immer zentraler. Parallel wächst der Wettbewerb – nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch international. Für Ostdeutschland verdichtet sich der Handlungsdruck: Wer die internationale Karte nicht spielt, läuft Gefahr, wirtschaftlich abgehängt zu werden.
Zusammenfassung: Herausforderungen, Chancen und aktuelle Entwicklungen
Die IW-Analyse zeigt eindrücklich, dass Ostdeutschland ohne Arbeitskräfte aus Drittstaaten schon heute Zehntausende Stellen nicht besetzen könnte – und der Trend zur alternden und schrumpfenden Bevölkerung macht die Lage von Jahr zu Jahr prekärer. Besonders in Branchen, in denen ohnehin Fachkräftemangel herrscht, sind Migrantinnen und Migranten längst systemrelevant; die größten Probleme entstehen dort, wo der politische und gesellschaftliche Umgang mit Zugewanderten unsicher, bisweilen sogar abschreckend ist. Längst geht es in Ostdeutschland nicht mehr nur ums Anwerben, sondern vor allem darum, Menschen dauerhaft zu halten – und dabei spielt das gesellschaftliche Klima eine größere Rolle als jede wirtschaftliche Zahl.
Neuere Recherchen zeigen, dass die jüngsten Einwanderungszahlen in Deutschland gesunken sind und Unternehmen verstärkt vor bürokratischen Hürden warnen. Bundes- und Landesregierungen diskutieren gerade Reformen im Einwanderungsgesetz, um die Arbeitsmarktintegration zu erleichtern – unter anderem durch schnellere Visa und erleichterte Anerkennung von Abschlüssen. Im politischen Raum, vor allem vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Thüringen, verschärfen migrationskritische Stimmen den öffentlichen Diskurs, was wiederum die Anwerbung neuer Fachkräfte erschweren könnte.