Mit Altklugheit gegen Arzt-Engpässe: Ärztepräsident will Senior-Mediziner an Schulen holen

Bundesärztepräsident Klaus Reinhardt will aus dem Erfahrungsschatz pensionierter Ärzte schöpfen und sie regelmäßig in Schulen einsetzen – um Kindern den Umgang mit Gesundheit beizubringen. Gleichzeitig fordert er weniger Verwaltungskram und mehr Anreize, damit Senior-Mediziner länger tätig bleiben.

heute 01:02 Uhr | 2 mal gelesen

Klaus Reinhardt, Vorsitzender der Bundesärztekammer, denkt quer: Warum sollten Fachleute mit jahrzehntelanger Praxiserfahrung nicht ab und zu in Klassenzimmern stehen und jungen Menschen beibringen, wie man praktische Gesundheitsprobleme selbst einschätzt? Klingt zunächst ungewohnt, aber wer sich schon mal gefragt hat, warum sich junge Leute nachts wegen Bauchweh zum Notdienst schleppen, versteht vielleicht, worauf Reinhardt hinauswill.

Pensionierte Mediziner als Wissensvermittler an Schulen

Sein Szenario: Der oder die pensionierte Ärzt:in schaut einmal monatlich in einer Grundschule vorbei und spricht mit Kindern über Erkältungen, Durchfall, und all die Dinge, die einen im Alltag erwischen können. Ein bisschen Alltagsheilkunde, wenn man so will – keine trockene Theorie, sondern Erfahrungswissen direkt aus der Praxis. Für Reinhardt steht fest: Wir brauchen nicht für alles einen neuen Berufsstand, manchmal helfen pragmatische Lösungen tatsächlich weiter.

Als Beispiel nennt er den 25-jährigen, gesunden Brechdurchfall-Patienten, der nachts nach ärztlicher Hilfe ruft statt erst einmal auf Selbsthilfe zu setzen. Auch das richtige Inhalieren, so Reinhardt, beherrschen erstaunlich viele einfach nicht – obwohl es ihnen früher oder später helfen würde, schnell wieder auf die Füße zu kommen.

Bürokratiereduktion und kreative Modelle

Der Ärztepräsident warnt davor, sich in Details und neuen Berufstiteln zu verlieren. Sein Plädoyer: Setzt mehr denn je auf das, was da ist – Wissen und Erfahrung, die man nicht aus Büchern lernt, sondern mit ein paar grauen Haaren. Gerade für Schulen könnte so ein Angebot jenseits von Biologiebuch & Sachkunde eine echte Bereicherung werden, vorausgesetzt, es passt in die Schulstruktur ohne vom Verwaltungsmoloch erschlagen zu werden.

Mehr Gesundheitskompetenz bedeutet für Reinhardt: Die Menschen treffen bessere eigene Entscheidungen, weniger überfüllte Arztpraxen, mehr Zeit für die, die sie wirklich brauchen. Und als Nebenbei-Dreingabe: Weniger Zettelwirtschaft für Ärztinnen und Ärzte, mehr echte Patientenarbeit.

In der Arztpraxis nach dem 70. Geburtstag

Reinhardt bringt eigene Beispiele: In seiner Praxis arbeiten Kolleginnen jenseits der 70 Seite an Seite mit Jüngeren – mit Freude, weniger Stunden, aber vollem Einsatz. Wer sagt, Medizin sei nichts für Senioren? Für ihn zeigt sich: Es braucht flexible Arbeitszeiten statt starre Vollzeitmodelle, Angebote statt Verpflichtungen – dann klappt das auch mit dem längeren Arbeiten und dem Weitergeben wertvoller Erfahrung.

Der Vorschlag ist damit vielschichtig: Einerseits sollen Medizinerjahren mehr Sinn und Wirkung verliehen, andererseits die Gesundheitsversorgung entlastet werden. Zum Wohle beider – der Jungen, die lernen, und der Alten, die ihr Wissen nicht in Vergessenheit schicken müssen.

Mal ehrlich, wir alle kennen das: Für jeden kleinen Schnupfen zum Arzt? In ländlichen Regionen oder bei Ärzt:innenknappheit kann das zum echten Problem werden.

Die Wurzel des Problems: Fehlen von Gesundheitskompetenz

Mit Gesundheitskompetenz ist gemeint, sich Informationen zu Krankheit, Prävention und Behandlung zu besorgen, sie zu verstehen und (hoffentlich) sinnvoll anzuwenden. Der Haken: Studien zeigen, viele sind darin nicht besonders gut. Deshalb landen Bagatellerkrankungen oft in der Hausarztpraxis oder gleich in der Notaufnahme – auf Kosten derer, die schwerwiegende Probleme haben.

Wenn man Kindern schon in jungen Jahren Mut zur Eigenverantwortung gibt, vielleicht klappt es ja mit weniger Wartezimmerfrust und mehr Gelassenheit, wenn der Hals mal kratzt. Für Schulen bedeutet das: Ein nützlicher Baustein, aber nur, wenn sich Zeit und Organisation dafür finden und es nicht wieder an der Finanzierung scheitert.

Mehr Erfahrung, weniger Engpass

Gleichzeitig mahnt Reinhardt, dass erfahrene Ärzte Gold wert sind – gerade in Zeiten, in denen Fachpersonal an allen Ecken fehlt. Warum also auf teure, neue Strukturen ausweichen? Besser flexible, entlastende Arbeitsmöglichkeiten und so lange wie möglich von den alten Hasen profitieren.

Bürokratieabbau heißt hier: Mehr Zeit für echte Medizin, weniger für Papierkram. Doch es bleiben Fragen: Wie kommen die Rentnerärzt:innen an die Schulen? Wer haftet, wenn mal etwas schiefläuft? Am Ende muss die Kooperation zwischen Bildungs- und Gesundheitsbehörden stimmen, sonst versandet die Idee im Nirgendwo. Es täte niemandem weh, das mal wenigstens auszuprobieren.

Denn immerhin: Wer früh lernt, sich selbst zu helfen, entlastet die Praxen – und hat vielleicht etwas mehr Geduld, wenn das Wartezimmer mal wieder voll ist.

Was steckt dahinter – und wie geht's weiter?

Der Vorschlag des Ärztepräsidenten ist im Grunde ein pragmatischer Versuch, an zwei Baustellen zugleich zu arbeiten: Gesundheitskompetenz vor Ort stärken und älteren Ärztinnen und Ärzten eine sinnvolle Rolle im System bieten. Die Umsetzung dürfte abhängig sein von politischen Willen, Koordination der Ministerien und der Bereitschaft, von üblichen Wegen abzuweichen – ganz abgesehen von möglichen rechtlichen Klippen.

Interessant ist: Ähnliche Modelle gibt es in Norwegen und Schweden schon länger, wo pensionierte Pflegekräfte oder Mediziner als „Gesundheitsmentoren“ arbeiten. In Deutschland diskutiert man erst jetzt ernsthaft über einen derartigen Ansatz. Relevante Ergänzung aus aktuellen Medien: In den vergangenen Tagen wurde auf mehreren Nachrichtenportalen wieder einmal die knappe Lage in Hausarztpraxen sowie ein wachsendes Interesse an Gesundheitsbildung in Schulen hervorgehoben. Für Reinhardts Ansatz könnte die Diskussion um Bürokratieabbau und flexible Arbeitsmodelle Rückenwind geben. Zusätzlich wird aus politischer Sicht darüber diskutiert, inwiefern das Engagement älterer Menschen künftig auch durch steuerliche Vergünstigungen oder eine bessere Einbindung in Ehrenamtsnetzwerke gefördert werden kann. Das Thema erhält damit auch eine soziale Komponente, die über reine Effizienzgewinne hinausgeht.

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