Tennet fordert gemeinsame Drohnenabwehrlösung und flexiblere Datenschutzregeln

Angesichts wachsender Cyber- und Drohnenrisiken plädiert Tennet für eine enge Zusammenarbeit mit Behörden sowie für bundeseinheitliche Regelungen zur Drohnenabwehr. Der Stromnetzbetreiber sieht auch beim Datenschutz Handlungsbedarf – die aktuellen Vorschriften könnten den effektiven Schutz der Energieinfrastruktur erschweren.

heute 13:09 Uhr | 2 mal gelesen

Der Ausbau der Energieinfrastruktur in Deutschland bringt Herausforderungen mit sich, an die vor wenigen Jahren kaum jemand gedacht hätte. Tennet, Deutschlands größter Netzbetreiber, stellt sich derzeit nicht nur technischen, sondern auch digitalen und ganz realen Bedrohungen wie Drohnenflügen und Hackerangriffen.

Staatliche Schutzmechanismen statt Selbstdurchgriff

"Wir wollen nicht selbst Drohnen vom Himmel holen", stellt Kathrin Günther, Chief Transformation Officer bei Tennet, nüchtern gegenüber dem 'Spiegel' klar. Rechtliche Grauzonen, Haftungsprobleme und die potenziellen Kollateralschäden sprechen aus ihrer Sicht klar dagegen, dass Unternehmen eigenständig Drohnen abschießen – das sei Sache der Behörden. Interessanterweise scheint genau darüber zwischen Politik, Verwaltung und Wirtschaft derzeit noch einiges im Unklaren zu sein – viel Zeit gehe mit endlosen Diskussionen verloren.

Letztlich fordert Günther einfache Abläufe: Wer meldet was – und wie schnell wird reagiert? Statt selbst zur letzten Verteidigungslinie zu werden, will Tennet an behördliche Überwachungs- und Abwehrsysteme angebunden werden. Klingt erstmal logisch – aber warum ist das eigentlich noch keine Selbstverständlichkeit?

Bundeseinheitliche Regeln statt Flickenschusterei

Ein weiteres Streitthema: die föderale Vielfalt. Verschiedene Bundesländer basteln an eigenen Gesetzen, Bayern prescht gerade vor. Doch Drohnen und Angreifer halten sich nicht an Landgrenzen. Für ein Netz, das halb Deutschland durchzieht, wäre ein rechtlicher Flickenteppich fatal. Tennet plädiert nachvollziehbar für eine nationale Strategie – alles andere könnte den Schutz sogar schwächen, statt ihn zu stärken.

Überwachung, Datenschutz – und der blinde Fleck

Die Sache hat zudem eine weitere, ziemlich deutsche Komponente: Datenschutz. Derzeit darf Tennet nur auf Eigenem filmen. Überspitzt gesagt: Sie sehen den Einbrecher erst, wenn er mitten im Wohnzimmer steht. Das frustriert die Verantwortlichen: Sollen kritische Infrastrukturen wirklich mit derart gebundenen Händen verteidigt werden?

Es stellt sich überdies die Frage, wieviel Information über Standorte, Technik und Zugangspunkte tatsächlich öffentlich sein sollte. Transparenz ist wichtig – doch kann sie, so Günther, in ein Sicherheitsrisiko kippen, wenn zu viel preisgegeben wird. Es droht ein klassischer Zielkonflikt, der uns auch künftig beschäftigen dürfte: Öffentlichkeit vs. Schutzbedarf.

Vom Randproblem zum Alltag

Was vor wenigen Jahren wie Stoff für einen Spionage-Thriller klang, ist heute Alltag: Energieanlagen werden ausgespäht, attackiert oder gleich von oben überflogen. Dazu passt irgendwie, dass immer wieder über Gesetze gerungen werden muss, die eigentlich längst da sein sollten. Und wenn man sich anschaut, welcher Schaden bei einem erfolgreichen Angriff entstehen könnte, wirkt diese Trägheit fast schon fahrlässig.

Warum es nicht nur Tennet angeht

Die Forderungen des Konzerns stehen sicherlich stellvertretend für viele andere Betreiber kritischer Infrastruktur in Deutschland: Wer das Netz am Laufen hält, braucht klare, durchsetzungsfähige Regeln – und Handlungsspielraum, der der Realität Rechnung trägt. Es bleibt also nicht nur bei Technik und Verfahren: Es geht auch um Vertrauen, Verantwortlichkeiten und letztlich unsere Versorgungssicherheit – im Großen wie im Kleinen.

Blick auf die Debatte

Tennet stößt mit seinen Forderungen nach bundesweit klaren Richtlinien zur Drohnenabwehr und flexibleren Datenschutzregeln eine Debatte an, die weit über den eigenen Tellerrand hinausreicht. In einer zunehmend vernetzten und von Angriffen bedrohten Energieinfrastruktur stellt sich die Frage nach Zuständigkeiten, Reaktionsfähigkeit und dem richtigen Maß an Offenheit.

Aktuelle Entwicklungen

Inzwischen wächst auch politisch der Druck: Laut ZEIT wurde in Berlin eine neue Task-Force initiiert, die Sicherheitslücken bei kritischen Infrastrukturen im Digitalen und Analogen kurzfristig bewerten und schließen soll. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass im Bundesinnenministerium neue Überlegungen zu Kameraeinsatz und Datenverarbeitung in Kraftwerken und Leitungsanlagen zur Diskussion stehen. Währenddessen kritisiert die FAZ, dass die Zusammenarbeit zwischen Ländern und Bund mangels klarer Spielregeln immer wieder ins Stocken gerät und Techniklösungen bislang auf sich warten lassen.

Perspektiven

Für Unternehmen wie Tennet wird der Spagat zwischen Datenschutz, Transparenz und effektiver Abwehr angesichts zunehmender Bedrohungen zum Balanceakt. Klar scheint nur: Einheitliche Regeln könnten helfen, Unsicherheiten abzubauen und schneller auf Gefahren zu reagieren. Rechtspolitisch bleibt Deutschland in dieser Frage (mal wieder) eines der langsameren Länder in Europa – trotz deutlicher Warnsignale aus der Praxis.

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