Nebenbei hält Gouthier rein gar nichts von dem satirischen Video "Boah Bahn" mit Anke Engelke, das noch unter dem alten Bahnchef entstand. Für ihn war das mehr peinlich als witzig, das Gegenteil von dem, was Stolz fördern könnte – eher Grund für Fremdscham. Und: Wenn neue Chefs alles anders machen wollen, löst das auch Unsicherheit aus. "Haben wir vorher alles falsch gemacht?", könnten sich die Beschäftigten dann fragen.
Man dürfe aber nicht vergessen: Stolz kommt nicht allein von oben, sondern wächst auch aus dem Team heraus, aus schwierigen Arbeitsbedingungen oder daraus, dass man seinen Beruf liebt. In Ausnahmesituationen – Gouthier nennt als Beispiel den Einzelhandel in der Pandemie – kann neuer Stolz entstehen, wenn plötzlich sichtbarer wird, wie viel geleistet wird. Immerhin gibt es einen kleinen Lichtblick: Bahnchefin Palla hat persönlich einen Triebfahrzeugführerschein gemacht, zeigt also wenigstens symbolisch Nähe zur Belegschaft. Aber einfach ist der Weg zurück zu mehr "Eisenbahnerstolz" sicher nicht – der ist laut interner Umfragen ohnehin auf einem Tiefpunkt.
Gouthier kritisiert die Vision der Bahn-Führung, weil messbare Erfolge fehlen, an denen Stolz wachsen könnte. Die Belegschaft fühlt sich unter Druck und sieht sich eher als Zielscheibe für Frust – besonders, wenn Aktionen wie das gleichtnamige Satirevideo das Image noch weiter ramponieren. Laut taz schreibt eine aktuelle Studie der Arbeitnehmervertretungen, dass die Bahn-Beschäftigten zum Teil Resignation oder Zynismus zeigen, und berichtet von großer Unzufriedenheit durch schwierige Arbeitsbedingungen, und viele äußern, sie stünden mehr im Wind der Kritik als in Anerkennung. Die FAZ meldet, dass mit dem Versuch, Kundenzufriedenheit und Mitarbeiterstolz gleichzeitig zu verbessern, ein ziemlicher Spagat bevorsteht – und dass aktuell sogar interne Kommunikationskampagnen eher Skepsis oder Trotz auslösen.
Gleichzeitig berichtet die Süddeutsche von Stimmen aus der Belegschaft, die loben, dass Palla durch ihren eigenen Lokführerschein Sympathiepunkte sammelt – aber „die Probleme auf den Schienen damit ja nicht verschwinden". (Quelle: taz, FAZ, Süddeutsche)