Uwe Janssens, Geschäftsführer bei der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), hält die offiziellen Hitzetoten-Zahlen in Deutschland für viel zu niedrig angesetzt. Ältere Menschen – oft ohne ausreichendes Durstgefühl – bemerken gar nicht, wie sie langsam dehydrieren. Der Körper reagiert darauf trügerisch sanft: Die Salze geraten aus dem Gleichgewicht, das Bewusstsein schwindet, bis der Tod unbemerkt eintritt. Janssens schildert eindrücklich, wie bei alten, alleinlebenden Menschen möglicherweise Nierenversagen diagnostiziert wird, ohne den Effekt der Hitze auf dem Totenschein wirklich zu benennen. Die aktuellen Statistiken greifen daher zu kurz; die wahre Dimension bleibt verborgen und betrüblich.
Er fordert zum Handeln auf – aus persönlicher Betroffenheit oder Frustration, das klingt zwischen den Zeilen ein wenig mit. Ohne konzertierte Maßnahmen von Politik und Gesellschaft werden jedes Jahr immer wieder dieselben Lücken sichtbar: Krankenhäuser ohne Klimaanlage, finanziell kaum stemmbare Modernisierungen, und fehlende Strategien zum Schutz der Verwundbarsten. Das ist schlimmer als bloße Planlosigkeit; es lässt Fragezeichen, ob Vernachlässigung nicht das eigentliche Todesurteil ist.
Janssens sieht Frankreich in der Verantwortung als positives Beispiel: Dort werden Betroffene in Hitzewellen proaktiv kontaktiert. In Deutschland hingegen lebt man Gefahr, Opfer nicht der Hitze, sondern vielmehr der Gleichgültigkeit zu werden. Ein Gedanke, so alt wie die Städte selbst – doch genauso ungeklärt.
Der DIVI-Geschäftsführer kritisiert die offiziellen Zahlen zu hitzebedingten Todesfällen und sieht sie als deutlich unterschätzt an, insbesondere, weil viele Todesursachen in der Statistik nicht korrekt erfasst werden. Aktuelle Recherchen zeigen, dass laut Umweltbundesamt und neueren Studien deutschlandweit zwischen 2022 und 2023 mehrere Tausend Hitzetote zu beklagen waren, wobei das Dunkelfeld weiterhin groß ist. Experten und internationale Organisationen wie die WHO warnen angesichts des Klimawandels eindringlich, dass sich ohne systematische Schutzpläne und gesellschaftliche Aufmerksamkeit die Situation verschärfen wird – und die Politik steht massiv in der Kritik, zu wenig zu tun.