Streit um Herz-Checks bei dm: Ärzte warnen vor Schnelltests in Drogerien

Der Chef der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, spricht sich entschieden gegen die geplanten Herz-Kreislauf-Checks der Drogeriekette dm aus und befürchtet Risiken für die Patientensicherheit. dm will das Gesundheitssortiment ausbauen – und löst mit dem Vorstoß eine Grundsatzdebatte aus.

heute 01:02 Uhr | 2 mal gelesen

Manchmal sind es kleine Ankündigungen großer Konzerne, die fette Debatten lostreten. dm will noch dieses Jahr sogenannte Herz-Kreislauf-Screenings anbieten – ein Vorhaben, bei dem der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.

Ärzte halten nicht viel davon

Reinhardt geht sogar so weit, die geplanten Checks als „Blödsinn“ zu betiteln – und das nicht aus einer Laune heraus. Aus seiner Sicht gehört Diagnostik schlichtweg nicht in den Einkaufswagen neben Shampoo und Zahnpasta: Wenn Menschen ohne ärztliches Gespräch Diagnosedaten bekommen, stehen sie im Zweifel ziemlich allein im Drogeriemarkt herum. Das fühlt sich an, als würde jemand mitten im Supermarkt eine Wetterprognose für das eigene Leben bekommen – und dann? Wohin mit der Information?

Kritik am fehlenden Hintergrundwissen

Das größte Problem sieht Reinhardt darin, dass Menschen zu Messwerten kommen, ohne dass jemand ihre persönliche Vorgeschichte kennt. Für ihn ist die Medizin mehr als bloß Zahlen: Ein ärztliches Gespräch, eine gezielte Nachfrage, das Erfassen von Symptomen und Familiengeschichten – all das stecke nicht im Angebot von dm. Wer für rund zwanzig Euro einen „Check“ bekommt, weiß nachher, dass etwas auffällig ist, aber nicht, wie ernst das gemeint ist.

Brauchbare Beispiele aus dem Alltag

Ein 35-Jähriger, dessen naheste Verwandte früh Herzprobleme hatten? Da hilft keine Standardmessung aus dem Regal. Ärzte sind trainiert, Muster zu erkennen, Zusammenhänge herzustellen – genau da sieht Reinhardt die Grenze. dm hingegen bietet ein Produkt an, das auf die komplexe Wirklichkeit des Einzelnen kaum eingehen kann.

Umweg Drogeriemarkt – wozu?

Auch wenn solch ein Check tatsächlich Risiken offenbart – was dann? Der Patient muss am Ende doch zum Arzt, findet Reinhardt, egal, ob er vorher einen Zettel im Drogeriemarkt oder gar keinen dabei hatte. Das Zwischenstadium – aus Sicht traditioneller Medizin – bringt keinen Vorteil, bei Krankheiten zählt oft sowieso Geschwindigkeit.

Was dm bisher so anbietet

dm hat Erfahrung mit Gesundheitsservices: Von Blutbild bis Augenscreening, manches davon ist allerdings juristisch umstritten. Mit neuen Herz-Kreislauf-Checks steuert die Drogeriekette auf neues Terrain – und rüttelt an Grundfragen zur Rolle von Handel in Gesundheitsfragen. Das Stichwort lautet: Deregulierung oder Sorgfalt?

Trend zur schnellen Selbstdiagnose

Es ist ein wachsender Markt: Bluttests, Hautanalysen, Fitnesstipps – teils per App, teils vor Ort. Der Ärztepräsident beobachtet, dass Diagnosen ohne ärztliche Begleitung nicht nur zu Fehleinschätzungen, sondern auch zu übereilten Sorgen führen könnten. Für Reinhardt geht es um mehr als Fakten, sondern um Verantwortung: Wer ordnet ein, wer hilft bei Unsicherheiten?

Medizin und Handel: Eine heikle Mischung

Im Handel locken einfache Gesundheitsangebote viele Menschen – verständlich irgendwie. Aber Expertise, Nachfragen, Erfahrung? Die gibt es beim Arzt, selten unter grellem Licht der Drogeriekasse. Es bleibt ein Abwägen zwischen leichtem Zugang und echter Fürsorge.

Wohin geht die Reise?

Der Streit ist kein Endpunkt, sondern Anfang einer Debatte, die viel mit gesellschaftlicher Entwicklung zu tun hat. Wird der Ruf nach Regulierung lauter, könnten neue Regeln für Gesundheitsangebote in Läden kommen. Für Kundinnen und Kunden gibt es einen simplen Rat: Bei Unsicherheiten ab zum Arzt, nicht nur zur Kasse!

Kernpunkte der aktuellen Debatte

Die Pläne von dm, Herz-Kreislauf-Checks anzubieten, stoßen beim Ärztepräsidenten und bei der Ärzteschaft auf heftigen Widerstand. Zentrale Kritik: Fehlende ärztliche Beratung, Verantwortung und Anamnese könnten die Sicherheit der Patienten gefährden – und sogar zu falscher Sicherheit oder übertriebener Sorge führen. Experten äußern zudem Zweifel, ob Drogeriemärkte mit standardisierten Tests die individuellen Risiken und Bedürfnisse angemessen erfassen können.

Neue Entwicklungen und Reaktionen

Abgesehen von den Einwänden der Ärztekammer berichtet die FAZ inzwischen, dass auch Apotheker Organisationen und Verbraucherschützer das dm-Vorhaben differenziert bis kritisch sehen. Nach Angaben von Medien wie SPIEGEL hat dm noch keine verbindliche Zusage zu Beginn und Umfang der Aktionen gemacht – auch weil rechtliche Risiken bestehen und Wettbewerbsverfahren (zum Beispiel gegen Augenscreenings) laufen. Der Diskurs um den Wandel im Gesundheitswesen, hin zu mehr niederschwelligen, aber wenig personalisierten Testangeboten, dürfte damit nicht abreißen.

Internationale Perspektive

In anderen Ländern wie Großbritannien oder den Niederlanden gibt es bereits niedrigschwellige Präventionsangebote in Apotheken und Drogerien, allerdings meistens begleitet von klaren Regeln und teils medizinischer Fachberatung. Die Diskussion greift damit grundsätzliche Fragen auf: Wie lassen sich Innovation, Patientensicherheit und Marktinteressen in Einklang bringen?

Ergänzende Recherche – Aktuelle Presseschau

Die Süddeutsche berichtet darüber, dass Verbraucherschützer, Ärztevertreter und Pharmazieverbände sich kritisch zu Beratungsangeboten in Drogerien äußern, da mangelnde Fachkompetenz vor Ort zu Fehldeutungen führen könnte (Quelle: Süddeutsche Zeitung).

Im neuen Artikel der ZEIT wird thematisiert, dass die Auslagerung medizinischer Leistungen in den Einzelhandel zwar den Zugang vereinfache, jedoch das Risiko bestehe, dass die Kluft zwischen informierten und verunsicherten Konsumenten wachse (Quelle: Die Zeit).

FAZ.net hebt hervor, dass die Diskussion um Herz-Kreislauf-Selbsttests Teil eines generellen Trends zur Digitalisierung und Kommerzialisierung der Medizin ist; Experten fordern klarere gesetzliche Rahmenbedingungen und stärkere ärztliche Anbindung an solche Angebote (Quelle: FAZ).

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