Birthler: Trotz AfD-Boom bleiben Demokraten im Osten in der Überzahl

Die frühere Stasi-Unterlagen-Beauftragte Marianne Birthler sieht selbst angesichts hoher Umfragewerte der AfD kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt weiterhin die Mehrheit der Menschen im Osten aufseiten der Demokratie. Gleichzeitig warnt sie davor, gesellschaftliche und historische Hintergründe, die den Aufstieg der AfD begünstigen, zu unterschätzen.

heute 00:03 Uhr | 2 mal gelesen

Marianne Birthler, einst für die Stasi-Unterlagen zuständig, gibt sich vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt überzeugt: Die demokratische Gesinnung ist im Osten trotz allem nach wie vor kein Auslaufmodell. Klar, angesichts der aktuellen AfD-Umfragewerte kann Diskussionsbedarf kaum geleugnet werden – doch Birthler bleibt bei ihrer Einschätzung.

Sorge um AfD-Erfolge, Appell an die Bürger

Besonders Sachsen-Anhalt macht Birthler Sorge: Die hohen Zustimmungswerte für die AfD sind laut ihr beunruhigend. Allerdings hebt sie die Vielfältigkeit und Kraft der Zivilgesellschaft hervor – Menschen engagieren sich, stellen Fragen, mischen sich ein. Vielleicht, so klingt es zwischen den Zeilen durch, sind gerade die Herausforderungen ein Antrieb, sich noch stärker für Demokratie einzusetzen.

Wohlstand und das Erbe der Vergangenheit

Der Osten hat Geschichte, darunter auch schwierigere Kapitel der Nachwendezeit. Viele Ostdeutsche mussten nach 1990 erst einmal ihren Platz finden, sagt Birthler – nun wächst die Angst, das Erreichte könnte verloren gehen. Sie sieht es kritisch, dass die AfD dies für sich nutzt, weiß aber: Populismus bringt keine Lösungen, schon gar nicht für Wohlstandsängste. Sie erinnert außerdem daran, dass die DDR sich selbst als antifaschistisch verstand – eine kritische, ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit hat oft nicht ausreichend stattgefunden.

Streitkultur und Abwanderung: Eine gesellschaftliche Lücke

Widerspruch auszuhalten, debattieren zu können – das ist, so Birthler, im Osten manchmal noch ein Lernprozess. Jahrzehnte der Einheitsmeinung sitzen tief, auch weil so viele Menschen, vor allem Jüngere, seit 1989 aus dem Osten weggezogen sind – sie fehlen nun als Mitgestalter. Ob Demokratie von vornherein immer einfach ist? Sicher nicht.

Parallelen und Kontraste zwischen Ost und West

Interessanter Gedanke: Birthler sieht die Unterschiede zwischen West und Ost meistens als nuanciert, weniger als grundlegend. Auch in Westdeutschland findet sich AfD-Wahlerfolg, doch ebenso gibt’s überall positive Entwicklungen – wie die „wunderbaren Geschichten“ aus dem Osten, die sie gern erwähnt. Schon ein bisschen wie mit Familien: Die Unterschiede wirken im Alltag manchmal dramatischer, als sie eigentlich sind.

Im Hintergrund läuft der politische Pulsschlag in Sachsen-Anhalt heiß. Die AfD liegt in Umfragen klar vorn, klassische Regierungsbündnisse sind instabil und die anderen Parteien laufen sich schon warm für einen schwierigen Wahlabend. Da geht es plötzlich nicht mehr nur um Programme, sondern um Haltung – und die Frage, wie viele Menschen sich für pluralistische Demokratie, trotz Gegenwind, engagieren.

Wahlkampf und demokratische Verantwortung

Die AfD, in Sachsen-Anhalt als rechtsextremistisch eingestuft, sorgt für Nervosität unter den übrigen Parteien – zumal Koalitionen mit der Linken (und natürlich der AfD selbst) ausgeschlossen werden. Die Lage ist festgefahren, die Debatte über Verantwortung und Demokratie ist nah dran am Alltag der Menschen, nicht nur an den Talkshow-Tischen.

Perspektivenwechsel: Gesellschaftliche Ursachen nicht unterschätzen

Es ist kein rein regionales Problem, sagt Birthler – der Blick muss tiefer gehen: Fluchtbewegungen von Ost nach West, fehlende Streitkultur, Angst um Wohlstand, ungelöste Vergangenheiten. Dennoch sieht sie die aktiven Demokratinnen und Demokraten weiterhin als klar in der Mehrheit, getragen von einer tatkräftigen, wenn auch gelegentlich überforderten, Zivilgesellschaft.

Wahl und gesellschaftlicher Zusammenhalt

Chemie stimmt oder auch nicht – die Auswirkungen der Wahl gehen über das Wahlergebnis hinaus. Es steht viel auf dem Spiel: Wer regiert, setzt Zeichen für gesellschaftliche Spaltungen oder Zusammenhalt. Birthler mahnt zur Besinnung: Demokratie ist kein Selbstläufer, aktive Beteiligung bleibt das beste Gegenmittel, wenn der Wind rauer wird.

Blick hinter die Schlagzeilen

Birthlers Einschätzungen spiegeln eine derzeit intensive Debatte darüber, ob und wie sich demokratische Kräfte im Osten behaupten werden. Aktuelle Recherchen zeigen, dass auch die anderen Parteien eine inhaltliche und strategische Auseinandersetzung mit der AfD suchen, wobei insbesondere Koalitionsfragen und die gesellschaftlichen Ursachen für die Stärke der AfD im Zentrum stehen. Mehrere Analysen betonen, dass neben wirtschaftlichen Unsicherheiten besonders das Empfinden vieler Ostdeutscher, nach wie vor weniger Teil gesellschaftlicher Erfolge zu sein, eine Rolle spielt – und dass klar ist, dass politischer Protest nicht automatisch Feindlichkeit gegenüber Demokratie bedeutet. Die Wahl in Sachsen-Anhalt hat weitreichende Signalwirkung, nicht nur für den Osten: Sie gilt oft als Testlauf für das, was demokratische Institutionen und Gesellschaften in angespannten Zeiten leisten können. Neben Birthlers Appell an den demokratischen Zusammenhalt beleuchten aktuelle Meinungsbeiträge auch die Herausforderungen für Medien, Zivilgesellschaft und Parteien beim Umgang mit Polarisierung und Desinformation. Eine weitere Beobachtung: Viele Beobachter führen die hohe Zustimmung zur AfD auf Faktoren wie relative Wohlstandsverluste, Frustration über politische Kommunikation und die Einschränkung von Koalitionsoptionen zurück. Angesichts der massiven Mobilisierung von Verbänden, Kirchen, Initiativen und Kulturschaffenden in Sachsen-Anhalt sehen Experten durchaus ein „demokratisches Bollwerk“, das – wenn auch mit Widersprüchen – noch längst nicht am Ende sei.

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