Es klingt fast zu einfach: Würden alle im öffentlichen Dienst Angestellten auf Vollzeit aufstocken, gäbe es kaum noch offene Stellen. Das zeigt die neue Studie des IW, die sich auf die Daten des Statistischen Bundesamtes stützt.
Viel ungenutzte Power im öffentlichen Dienst?
Rund 634.000 zusätzliche Vollzeitstellen – zumindest auf dem Papier – könnten entstehen, sollte jede Teilzeitkraft vom Minijob-Feeling auf die 40-Stunden-Woche wechseln. Gar nicht so weit entfernt von den 631.000 vakanten Posten, die Gewerkschaften wie der Beamtenbund derzeit zählen. Im Grunde genommen sitzt das System also auf einer arbeitszeitlichen Schatztruhe. Nur: Diese Kiste lässt sich nicht einfach so öffnen.
Zwar wäre es ein Wunschkonzert, wenn sofort alle Teilzeitler aufstocken würden, aber das ist eigentlich völlige Utopie. Realistischer sei – und das betonen auch die Forscher – dass schon ein paar Stunden mehr bei vielen genügen könnten. Hätten beispielsweise alle Bundesländer das sogenannte Sachsen-Anhalt-Niveau bei den Arbeitszeiten, würde trotzdem ein satter Zuwachs an Vollzeitjobs resultieren. Nahezu 300.000, um genau zu sein.
Schatzsuche in Kitas und Schulen
Schaut man genauer hin, werden Kitas und Schulen zu wahren Goldminen der Arbeitszeit. Besonders dort stapelt sich die kleinteilige Teilzeit, während Eltern nach freien Plätzen oder weniger Unterrichtsausfall suchen – das weiß jede Familie. Das IW rechnet vor: Allein in deutschen Kitas könnte das Arbeitspensum um stolze 25 Prozent klettern, wenn Teilzeitkräfte aufstocken würden. Klingt abstrakt? In Zahlen bedeutet das knapp 55.000 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher auf dem Papier.
Bei den Lehrerinnen und Lehrern ist das Bild ähnlich: Würden alle nur die Stunden vollmachen, käme man auf rund 153.000 zusätzliche Planstellen. Ob das bildungspolitisch und individuell Sinn macht, ist nochmal eine andere Geschichte.
West-Ost-Gefälle – ein alter Hut?
Interessant: Das „Teilzeitproblem“ ist nicht gleichmäßig verteilt. In Bundesländern mit gutem Verdienstpotenzial, wie Baden-Württemberg, Bayern oder Rheinland-Pfalz, wäre besonders viel zu holen – theoretisch könnten dort 19 bis 21 Prozent Arbeitsreserve mobilisiert werden. Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind mit etwa 16 Prozent immerhin leicht über dem Schnitt.
Ostdeutschland ist anders gestrickt. In Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel reicht es gerade mal für etwa acht Prozent Extra-Arbeitskraft. Ein bisschen liegt das an der DDR-Tradition: Frauen arbeiteten schon damals viel häufiger Vollzeit, und die Kitas waren besser ausgebaut. Deshalb gibt's dort schlicht weniger Spielraum.
Warum Menschen Teilzeit wollen – und was das bedeutet
Teilzeit ist selten eine willkürliche Entscheidung. Oft stehen Care-Arbeit, gesundheitliche Belastungen oder andere persönliche Faktoren im Raum – besonders in Berufen, die eh schon stressig sind. Dazu kommt: Nicht überall sind die Bedingungen geschaffen, um Vollzeit als attraktive Perspektive zu sehen. Die Studie lenkt den Blick weg von reiner Personalgewinnung hin zu einer modernisierung der Arbeitskultur.
Es geht darum, Strukturen zu schaffen – von besserer Kinderbetreuung über flexible Modelle bis hin zur Prävention von Überlastung. Denn eins ist sicher: Das Potenzial ist zwar da, aber zu glauben, dass sich das allein durch ein paar politische Anreize ausschöpfen lässt, ist Wunschdenken.
Arbeitsmarkt als Schachspiel
Seit Jahren klagen Schulen und Verwaltungen – und trotzdem bleibt das Dilemma. Denn hinter jeder Statistik stecken Lebensmodelle und regionale Eigenarten. Immer die gleiche Lösung für alle? Funktioniert wohl kaum. Die Studie beweist, wie kompliziert das Zusammenspiel von Arbeitsmarkt, Familienpolitik und gesellschaftlichen Traditionen ist. Und letztlich bleibt die Aufgabe: Den öffentlichen Dienst für Neueinsteiger attraktiver machen, auch jenseits von Arbeitszeitmodellen.
Die neue Studie des IW wirft einen spannenden Blick auf die 'stillen Reserven' im öffentlichen Dienst: Der Personalmangel könnte rechnerisch weitgehend ausgehebelt werden, wenn mehr Menschen in Vollzeit arbeiten würden. Besonders in Branchen wie Kitas und Schulen versteckt sich ein enormes Aufstockungspotenzial, das aktuell brachliegt. Allerdings zeigen sich regionale Unterschiede: Während im Westen Deutschlands vor allem wegen höherer Kaufkraft mehr Teilzeit gearbeitet wird, kommt der Osten historisch bedingt ohnehin schon auf mehr Vollzeit, weshalb auch wenig Luft nach oben bleibt.
Weitere Recherche: Neue Entwicklungen und Zitate
Aktuelle Berichte (z.B. von taz, Spiegel und FAZ) greifen die Debatte auf und betonen, dass eine reine Aufstockung nicht ausreiche: Es brauche familienfreundlichere Strukturen und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, damit Vollzeitstellen tatsächlich attraktiv werden. Zudem warnen Fachverbände davor, die individuelle Entscheidung für Teilzeit als Hindernis zu betrachten, und verweisen auf die Risiken von Überlastung und Burnout im öffentlichen Dienst.
Neuere Artikel diskutieren außerdem die Rolle von Lohnungleichheit und schlechter Bezahlung insbesondere im Erziehungs- und Bildungsbereich als Hindernisse für einen Wechsel in Richtung Vollzeit – eine Debatte, die auch bei aktuellen Tarifverhandlungen eine Rolle spielt.