Agrarchemie zwischen Wachstumsschimmern und Unsicherheit – Branchenverband kritisiert Marktregeln

Frankfurt am Main – Der Industrieverband Agrar (IVA) schlägt bei seiner diesjährigen Pressekonferenz zwar verhaltene Wachstumstöne im Pflanzenschutzmarkt an, blickt aber angesichts anhaltender Unwägbarkeiten und steigender Energiekosten eher skeptisch Richtung Zukunft. Hauptsorgen machen der Branche schwerfällige Zulassungsprozesse und globale Turbulenzen auf den Rohstoffmärkten.

heute 13:22 Uhr | 3 mal gelesen

Die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen setzen der Agrarchemie spürbar zu. Der IVA betont, dass Reformen wie die Vereinfachung der Food & Feed Safety Omnibus-Verordnung sowie eine beschleunigte und planbare Zulassung für Pflanzenschutzmittel dringend weiterentwickelt werden müssten. Ein Marktwachstum von 4,3 Prozent im Segment Pflanzenschutz 2025 reicht nicht, um die tieferen Unsicherheiten, die durch regulatorische Verzögerungen und das Veto des Umweltbundesamtes entstehen, auszuräumen – so zumindest die Ansicht des Verbandes. Während Herbizide mit einem Umsatzplus hervorstechen, geraten andere Bereiche wie Fungizide und – noch deutlicher – Insektizide aus unterschiedlichsten Gründen (Trockenheit, Wegfall alter Wirkstoffe) unter Druck. Das Verteidigen innovativer Lösungen versiegt im Dickicht administrativer Hürden. Präsident Wagner geht mit den Behörden hart ins Gericht: Die seit Jahrzehnten unveränderten EU-Regeln lähmen aus seiner Sicht den Fortschritt. Sogar leichte Verbesserungen – etwa beim Abbau des Zulassungsstaus für Mittel mit weniger komplexen Anforderungen – vermögen das Grundproblem nicht zu beheben: Deutschland solle zum Vorreiter bei Zulassungen werden, aber das gehe nur mit klaren Kompetenzen – ausschließlich beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Dass das Umweltbundesamt noch mitbestimmt, sei laut Wagner ein Konstruktionsfehler. Der Düngemittelmarkt erholt sich nur langsam von seinen Rückschlägen. Zwar zeigen Kali- und Kalkdünger nach langer Durststrecke wieder ansteigende Absatzmengen, der Gesamtmarkt bleibt jedoch volatil – nicht zuletzt weil Unsicherheiten bei Energie, globale Konflikte und Exportregelungen auf allen Ebenen spürbar sind. Die Forderung des IVA: Mehr Wettbewerbsgerechtigkeit durch CO2-Ausgleichsmechanismen (CBAM) und bevorzugten Zollstatus (MFN) für Produkte aus umweltfreundlicheren europäischen Werken. Gleichzeitig plädiert der Verband für die finanzielle Unterstützung der Landwirtschaft selbst – denn immer häufiger kämpfen Bauernhöfe mit steigenden Kosten und schwindenden Erlösen. Die Innovationskraft der Branche, die immerhin 47 Unternehmen mit Zugpferden aus Pflanzenschutz, Ernährung, Züchtung und Biostimulanzien vertritt, droht so mehr administrative als innovative Hürden zu nehmen.

Deutschland bleibt für die Agrarchemie ein von Unsicherheit geprägter Markt, zumal regulatorische Prozesse wie Zulassungen und ständiges Behördenveto die Einführung neuer Produkte verschleppen. Die jüngsten wirtschaftlichen Krisen und die politischen Spannungen (u. a. im Iran) führen zu Preistreiberei bei Betriebsmitteln, sodass viele Landwirte wirtschaftlich an ihre Grenzen stoßen – diese Herausforderungen sind Thema fast aller großen Branchenanalysen der vergangenen Tage. Gleichzeitig berichten aktuelle Medienberichte etwa bei FAZ, Zeit und Spiegel, dass gerade der CO2-Grenzausgleich CBAM EU-weit zur Debatte steht und nach wie vor die Hersteller spaltet; die Notwendigkeit, auf effektive Wettbewerbsregeln und zukunftsfähige Agrarinnovationen zu setzen, dominiert die aktuelle Berichterstattung. Darüber hinaus fordern viele Kommentatoren eine offene Auseinandersetzung über Abhängigkeiten von Energieimporten sowie über sichere und umweltgerechte Düngemittelproduktion – sprich: die Frage nach einem Resilienzkonzept für die Agrarbranche rückt zunehmend ins Zentrum der Diskussion.

Schlagwort aus diesem Artikel