Manchmal spürt man Veränderungen kaum, bis sie einen mitten ins Gesicht treffen. Genau davor warnt Brad Setser – eine Deindustrialisierungswelle rollt angeblich direkt auf Deutschland zu. Schuld aus seiner Sicht: die geballte Exportkraft Chinas und ihr schonungslos kalkuliertes Vorgehen.
Chinesische Dynamik: Ein neuer Schock am Horizont
Setser beobachtet mit Skepsis, wie Chinas Exportmotor durchstartet, während sich die Grenzen für Importe weiter schließen. Es ist, als hätte das Land den Spieß einfach umgedreht; importiert wird wenig, dafür fluten technische Spitzenprodukte aus Fernost die globalen Märkte. Die Parallelen zum ersten China-Schock vor zwei Jahrzehnten sind spürbar – aber diesmal betrifft es nicht nur Spielzeug oder Elektronik, sondern das Herzstück der europäischen Industrie.
Damals traf es vor allem andere, nun sieht Setser den Kern Europas im Fadenkreuz: Deutschland, mit seiner stolzen Ingenieurskunst. China, das heute sogar Tunnelbohrmaschinen oder Hightech-Autos in rauen Mengen exportiert, jagt deutschen Unternehmen die wichtigsten Märkte ab.
Wettlauf in der Autoindustrie
Am stärksten zeichnet sich die Verdrängung in der Autoindustrie ab. China produziert inzwischen sagenhafte 55 Millionen Fahrzeuge jährlich – weit mehr, als ganz Europa überhaupt nachfragt. Die Zahl der aus China exportierten Autos wächst rasant; sie ist schon bald auf Augenhöhe mit Deutschlands Exportsumme.
Setser mahnt: Bröckelt hier die Vorherrschaft, zieht das weitere Kreise. Produktionsketten, Arbeitsplätze, Innovationskraft – alles gerät ins Wanken, wenn die Industrie weicht. Darin steckt eine Warnung, die nachklingt: Wer konsumieren will, sollte auch selbst produzieren können – sonst lebt man auf Pump, ökonomisch gesehen.
Rat zur Abschottung und Selbstbehauptung
Der Ökonom plädiert für einschneidende Schritte: Europa müsse sich gegen Dumping und Tech-Offensive wehren – „leider“ auch mit Zöllen, wie er sagt. Besonders für Autos, Maschinen und Chemie hält er striktere Regeln für angebracht. Und: Wer aus China investiert, soll sich an europäischen Unternehmen beteiligen, statt den Markt beliebig zu öffnen.
Was er als „Buy-European“-Klausel anspricht, klingt erstmal gewöhnungsbedürftig – beinahe wie ein Rückgriff in alte Zeiten. Aber vielleicht braucht es ein bisschen protektionistisches Muskelspiel, wenn man auf dem Spielplatz der Handelsmächte nicht untergehen will.
Angst vor Revanche – und Handelskrieg
Setser weiß: Wer Abschottung spielt, riskiert Gegenwehr. Er rät zur Klarheit, wo Europas Interessen enden und Chinas Macht nicht geduldet wird – und spricht offen über Vergeltungsmöglichkeiten, zum Beispiel in Luftfahrt und Spezialchemie. Geldflüsse, so seine Anmerkung, könnte man im Konfliktfall einfrieren. Das klingt kühl kalkuliert und doch brandgefährlich.
Europa, USA und der strategische Drahtseilakt
Für Setser wäre schon ein „Unentschieden“ im Wirtschaftswettstreit ein Erfolg für die EU – sofern sich Europa klug und entschlossen zeigt. Vielleicht, so sinniert er, würde das auch in Washington Respekt verschaffen und den Westen zusammenschweißen – gegen Pekings Wirtschaftsmacht.
Der Tonfall von Politik und Wirtschaft hat sich bereits verschärft, viele befürchten die Abhängigkeit vom chinesischen Markt. Deutsche Schlüsselbranchen, allen voran Autobauer, kämpfen hart – eine Atempause gibt es nicht.
Strukturwandel im Schnellgang
Ausgerechnet bei E-Autos drängt Peking massiv nach vorn. Während deutsche Autobauer und Zulieferer teure Software und Batterien entwickeln, liefern Chinas Hersteller bereits fertig und günstig. Wer jetzt hinten bleibt, verliert nicht nur Aufträge, sondern auch Arbeitsplätze und Forschungsgelder, sagt Setser.
Noch dazu werden Energie und Rohstoffe für deutsche Unternehmen teuer – und der internationale Konkurrent schläft nicht. All das verstärkt den Handlungsdruck, auch politisch neu zu denken (oder wenigstens den Mut zur Kurskorrektur zu wagen).
Konfliktpotenzial: Offene Debatten und kritische Stimmen
Neue Zölle, striktere Investitionskontrollen, patriotische Einkaufsprogramme – das sind keine Selbstläufer. Vielmehr lösen sie heiße Konflikte aus: Einige sehen darin die letzte Rettung, andere warnen vor Preissteigerungen und chinesischer Vergeltung. Setsers Ansicht reiht sich ein in diese Diskussion und fordert ehrliche Abwägungen statt Reflexreaktionen.
Deutsche Bürger werden direkt betroffen sein: Arbeitsplätze, Produktpreise, technologische Unabhängigkeit – alles steht zur Disposition. Ob Europa eher auf Konfrontation setzt und Risiken eingeht, oder doch einen Mittelweg beschreitet, entscheidet über die Widerstandskraft der eigenen Industrie – und vielleicht darüber, ob der große zweite China-Schock tatsächlich eintrifft oder zum Menetekel verkommt.
Brad Setser warnt davor, dass Deutschlands industrielle Basis ins Wanken geraten könnte, weil China mit immer leistungsfähigeren und günstigeren Industrieprodukten die globalen Märkte überschwemmt – insbesondere im Bereich Automobil und Hightech. Der Ökonom fordert deshalb schnelle politische Reaktionen in Form von Zöllen, Investitionsauflagen und industriefreundlichen Einkaufsregeln, während deutsche Unternehmen und Politiker noch abwägen, ob und wie eine solche Abwehrstrategie aussehen kann. Politisch ist das Thema hochbrisant: Die EU arbeitet an neuen außenwirtschaftlichen Instrumenten, China prüft bereits Gegenmaßnahmen, und viele Experten fürchten, dass sich die internationale Arbeitsteilung grundlegend verschieben könnte – mit Folgen für Wohlstand, Arbeitsplätze und die Rolle Europas in der Weltwirtschaft.
Aktuelle Medienberichte bestätigen Setsers Sorgen, zeigen aber auch, dass man in Berlin und Brüssel noch ringt: Laut jüngster Recherchen steht die Europäische Kommission unter wachsendem Druck, Handelsinstrumente zum Schutz systemrelevanter Branchen zu verschärfen, zum Beispiel in der Automobilindustrie oder im Maschinenbau. Gleichzeitig warnen Experten vor einer Eskalation, die zu einem Handelskrieg führen könnte. In zahlreichen Leitartikeln wird die Notwendigkeit betont, die technologische Führungsrolle und Innovationskraft langfristig zu sichern – jenseits kurzfristiger Abschottungspolitik.