„Wir stehen mit den Medikamentenpreisen europaweit auf Platz zwei direkt hinter den USA. Da muss doch endlich konsequenter eingegriffen werden“, bringt Oliver Blatt, Chef des GKV-Spitzenverbandes, seine Unzufriedenheit gegenüber der 'Neuen Osnabrücker Zeitung' auf den Punkt. Die Politik agiere bislang, so meint er, viel zu zögerlich – und das, obwohl grundlegende Änderungen längst überfällig seien. Auf den Einwand, die Industrie könnte abwandern, wettert Blatt: „Dieses Schreckgespenst wird künstlich großgeredet. Es stimmt einfach nicht, dass nur hohe Preise Unternehmen halten. Produktion läuft längst vielfach in Indien oder China – das Märchen von der Sicherung heimischer Produktion ist ein wohlklingendes, aber sinnentleertes Argument.“
Gesundheitsministerin Warken hat eine Kommission ins Rennen geschickt, die schon bald Ideen zu Sparmaßnahmen liefern soll. Auffällig: Ob Zuzahlungen für Patient:innen am Ende steigen, ist offen, Warken hält sich alle Optionen offen. Die reinen Zahlen sind gewaltig: Allein 2023 haben die Kassen 58,5 Milliarden Euro für Pharmazeutika bezahlt – sogar mehr als für Haus- und Fachärzte zusammen. Besonders teuer sind neue Präparate: Die Tageskosten pro Patient haben sich seit 2012 fast verdoppelt. Mehr als 40.000 Versicherte kosten die Kassen je über 100.000 Euro im Jahr – und das alles, so Blatt, erfordere ein Einbremsen der Pharmapreise.
Und das Schreckgespenst der Versorgungslücke? Laut Blatt wird es überdramatisiert: Lieferprobleme gäbe es, sie seien jedoch meist zu kompensieren, und die Versorgung der Versicherten sei „im Großen und Ganzen gesichert“. Zudem: Neue Mittel seien in Deutschland in Rekordzeit verfügbar – schon gut eineinhalb Monate nach Zulassung für alle gesetzlich Versicherten. „Finanziell ist unser System robust. Wer hier über Not klagt, sucht einen Vorwand.“
Die Kritik an den hohen Arzneimittelpreisen in Deutschland ist kein Einzelfall: Immer mehr Stimmen aus dem Gesundheitssystem und der Politik fordern Transparenz und gezielte Sparmaßnahmen. Laut Bundesgesundheitsministerium liegt einer der Gründe für die hohen Kosten in der fehlenden Preisregulierung neuer Medikamente – insbesondere im Bereich der seltenen Erkrankungen, wo die Preise oft von Herstellern frei bestimmt werden (vgl. FAZ). Branchenvertreter warnen jedoch, ein Festsetzen niedriger Preise könnte die Innovationskraft beeinträchtigen und langfristig die Versorgung verschlechtern – das steht im Gegensatz zu Einschätzungen der Krankenkassen, die vor allem die Belastung der Versicherten sehen. Zudem zeigt sich ein wachsendes Problem mit Lieferengpässen, wobei – darauf weisen Experten hin – Ursache meist nicht der Preis, sondern Produktions- und Logistikprobleme im Ausland sind. Die Diskussion bleibt also von unterschiedlichen Interessen geprägt. Neue politische Initiativen, etwa durch die von Ministerin Warken eingesetzte Kommission, sowie geplante Änderungen im Arzneimittelrecht, zeigen: Die Debatte ist hochaktuell und die Weichen für die nähere Zukunft werden gerade gestellt.