Die europäischen Raumfahrtambitionen bekommen eine neue Dimension – zumindest glaubt das Lorenzo Mariani, der das geplante Gemeinschaftsprojekt „Bromo“ öffentlich vehement verteidigt. Schon der Name klingt ungewohnt entschieden.
Vernetzung als Lösung?
Mariani, Chef von Leonardo, sieht in der Fusion mit Thales und Airbus eher einen Befreiungsschlag als eine Bedrohung für den Wettbewerb. In einem Gespräch mit dem „Handelsblatt“ hebt er hervor, dass ein gemeinsames Unternehmen letztlich Wettbewerbsfähigkeit, Zuverlässigkeit und – ein Lieblingsthema: belastbare Lieferketten – stärke. Im Alltag würde das heißen: Zeitfressende Schnittstellen verschwinden, die europäische Raumfahrt bekäme ein robustes Rückgrat.
Er glaubt, der Zusammenschluss würde keineswegs einen Alleinherrscher schaffen. 'Es gibt weiterhin Alternativen', betont Mariani. Dass kleinere Betriebe plattgemacht würden, lehnt er ab; allerdings muss man zugeben, dass solche Beschwichtigungen schon oft zu hören waren.
Lieferketten und Abhängigkeiten
Für Mariani ist ein schlüssiges Lieferantennetz so etwas wie die Achillesferse der europäischen Raumfahrt. Er erhofft sich durch die Kooperation nicht nur Synergien, sondern auch einen echten Stabilitätsgewinn für die Branche. „Je stärker der Hauptakteur, desto mehr können Zulieferer profitieren“, ist der Subtext. Dennoch: Die Angst, kleinere Spezialisten gingen im Schatten der Großen verloren, steht latent im Raum.
Ein Kontrast dazu: Mariani verspricht, das Joint Venture könne dafür sorgen, dass genaue Planung und Verlässlichkeit auch für Mittelständler Rückenwind bedeuten. Klingt charmant – Skepsis bleibt dennoch angebracht, zumal solche Projekte zur Konsolidierung und nicht selten auch zu Verdrängung führen.
Im Gespräch mit Brüssel
Ganz ohne Bremsmanöver dürfte das alles ohnehin nicht über die Bühne gehen. Ein Zusammenschluss dieser Größenordnung ist gefundenes Fressen für Kartellrechtler. Die EU-Kommission prüft daher schon jetzt, wie „minimal“ die Auswirkungen wirklich sein könnten – die Unternehmen hoffen auf „minimale Einschränkungen und strukturelle Korrekturen“. Pikant: Der Startschuss für „Bromo“ ist für den 1. Januar 2028 anvisiert, sofern die Genehmigung bis dahin vorliegt.
Europa sucht seit Jahren nach einer Antwort auf die großen Player im All, sei es aus den USA, China oder neuerdings auch Indien. Nun also: ein Super-Konsortium mit starker rüstungstechnischer Verankerung.
Zwischen Innovationsschub und Marktmacht
Gleichzeitig ringen Politik und Industrie um eine Gratwanderung: Wie viel Konzentration ist nötig, wie viel Marktvielfalt sinnvoll? Während Leonardo, Thales und Airbus auf einen Innovations- und Technologieschub setzen, warnt so mancher vor einer Marktkonzentration, die frischen Wind eher abwürgen statt fördern könnte.
Satellitentechnologie ist längst Alltag – für autonome Landwirtschaft, Wettervorhersagen, schnelle Datenverbindungen und selbst für Krisenmanagement. Ein mächtiger europäischer Anbieter könnte diese Infrastruktur unabhängiger von Übersee machen. Bleibt die Frage, wie das Gleichgewicht zwischen Schlagkraft und Agilität gehalten werden kann. Und ob kleinere Akteure am Ende doch im Windschatten verschwinden.
Leonardo, Thales und Airbus planen mit „Bromo“ ein gewaltiges Projekt, das Europas Raumfahrtfähigkeiten stärken und die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern verringern soll. Noch prüft die EU-Kommission, ob durch dieses Konsortium Wettbewerbsnachteile entstehen könnten – gerade mit Blick auf mittelständische Zulieferer und Innovationen. In den vergangenen beiden Tagen berichteten mehrere Medien zudem über eine verstärkte Orientierung der EU auf technologische Unabhängigkeit angesichts neuer geopolitischer Spannungen und der Bedeutung verlässlicher Raumfahrt-Infrastrukturen – etwa für Verteidigung und Klimaforschung.
Aktuell werden bei der EU verschärfte Anforderungen an die Lieferketten diskutiert, um Ausfälle oder politische Erpressbarkeit zu verhindern. Zugleich sind laut Kommentatoren der FAZ und der Süddeutschen die Erwartungen an das Konsortium hoch, da Europa technologisch nicht mehr länger auf die USA oder China angewiesen sein will.
In diesem Zusammenhang bewertet die Süddeutsche den zunehmenden internationalen Konkurrenzdruck, der zu einer vertiefenden Zusammenarbeit europäischer Konzerne quasi zwingt – während Kritiker auf ein Übermaß an Marktmacht und eine mögliche Innovationsbremswirkung hinweisen.