Europäische Schulden als Sprungbrett für den Euro auf den Olymp der globalen Finanzwelt? IW-Leiter Michael Hüther sorgt mit seiner Idee, Eurobonds im großen Stil auszugeben und den Euro zur Weltreservewährung zu machen, für erregte Gemüter – auch bei mir, der ich eigentlich auf solide Finanzen schwöre.
Vertrauen oder Verhängnis?
Der ehemalige Ifo-Boss Hans-Werner Sinn mag da direkt an berstende Dämme denken: Wenn alle für alle bürgen, ist hemmungslose Verschuldung vorprogrammiert – und zwar für Generationen. Sinns Skepsis wirkt wie ein Déjà-vu, erinnert mich doch die Argumentation heftig an die Eurokrisenjahre, als der Begriff 'Schuldenkaskade' zum politischen Kampfbegriff wurde. Was aber, wenn hinter Hüthers Vorschlag nicht nur Naivität, sondern auch ein Quäntchen Weitblick steckt?
Wachstum kontra Warnsignal
Auch andere Ökonomen wie Friedrich Heinemann und Stefan Kooths schauen kritisch auf die ökonomischen Stellschrauben. Ich gebe zu, manches davon klingt brutal nüchtern: Ohne Wachstum und Bürokratieabbau würden neue Euro-Anleihen ausschließlich kosmetische Effekte erzielen. Gleichzeitig kann ich den Reiz verstehen, große gemeinsame Anleihen als Investitionsspritze zu verkaufen.
Eine Vision: Investitionsunion
Hüther selbst bleibt bei seiner Linie. In meinen Augen ein Grenzgänger zwischen Pragmatismus und Idealismus: Keine blanko Vergemeinschaftung aller Altlasten, sondern Eurobonds für konkret umrissene, grenzüberschreitende Projekte – Digitalisierung, Energie, Infrastruktur, Verteidigung. Ein Safe Asset made in Europe klingt verlockend, nicht wahr?
Fratzscher & Co.: Zustimmung mit Fragezeichen
Natürlich gibt es auch Zustimmer. Marcel Fratzscher vom DIW etwa sieht darin einen wichtigen Mosaikstein für mehr europäische Handlungsfähigkeit. Dennoch: Ganz ohne Bauchschmerzen will sich kaum ein Experte festlegen – vielleicht ist das typisch deutsch?
Reserven, Märkte, Realitäten
Volker Wieland erinnert mich an Blanchard und Ubide, die schon seit Jahren ähnliche Gedankenspiele wagen. Eurobonds, so die Hoffnung, könnten Notenbanken weltweit als sichere Anlage dienen. Die Frage bleibt, ob der Schritt den Euro wirklich stark macht, oder ob gemeinsame Anleihen doch eher ein Placebo wären.
Vergangene Lektionen
Eurobonds sind sowas wie der Running Gag europäischer Krisendiplomatie geworden. Schon zur Zeit, als Griechenlands Kassen leer liefen, hatte man über gemeinsame Haftung hitzig gestritten – mit allem, was dazugehört: Angst vor moralischen Gefahren, politischen Rissen und drohendem Kontrollverlust. Dass wir uns jetzt wieder in dieser Schleife befinden, wirkt fast schon ironisch.
Was bedeutet das für uns Normalos?
Es sind keine abgehobenen Wissenschaftsstreitigkeiten: Die Debatte berührt, wie Steuergelder, Staatsverschuldung und die Währungspolitik in Zukunft aussehen sollen. Und letztlich, ob der Euro international an Strahlkraft gewinnt, oder die EU am Ende als zerstrittener Haufen dasteht. Ich bin selbst hin- und hergerissen, weil politische Lösungen oft an technischen Details scheitern – aber wer nicht wagt, der nie gewinnt. Oder riskiert.
Der Vorstoß von Michael Hüther, durch große Euro-Anleihen an den Finanzmärkten den Euro zur Weltleitwährung zu machen, spaltet Fachleute. Kritiker mahnen mehr Disziplin und betonen die Risiken gemeinsamer Haftung, während Befürworter die geopolitischen Chancen und die Kraft gezielter Investitionen sehen. Aktuelle Berichte von FAZ und ZEIT stellen zudem die zusätzliche Dynamik in der Debatte durch die geopolitische Lage, insbesondere den Rechtstrend in Europa und die US-Präsidentschaftswahl, heraus. Nach neuer Recherche argumentieren Fachartikel aus der Süddeutschen Zeitung und Spiegel, dass nicht nur finanzpolitische sondern auch strategische Überlegungen – Stichwort Verteidigungsfähigkeit und wirtschaftliche Souveränität – immer stärker ins Zentrum rücken. Die Diskussion um die richtige Balance aus Gemeinsinn und Stabilität dürfte den Reformprozess der EU maßgeblich prägen, zumal sich weltweit der Kampf um ökonomische Machtblöcke zuspitzt.