Wie das 'Handelsblatt' unter Berufung auf eine Analyse des IW schildert, gibt es Zweifel daran, ob eine Ausweitung von Tarifverträgen automatisch den Anteil der Löhne am Volkseinkommen—die sogenannte Lohnquote—erhöht. Das IW wirft so einen ziemlich dicken Schatten auf die Annahme, dass mehr Tarifbindung gleichbedeutend mit fairerer Einkommensverteilung sei. Der verknappte Traum der Bundesregierung: Die aktuelle Tarifbindung von rund der Hälfte aller Beschäftigten auf sagenhafte 80 Prozent zu erhöhen, wirkt angesichts der Ergebnisse beinahe schon etwas optimistisch.
IW-Ökonom Christoph Schröder illustriert dies mit einem europäischen Ländervergleich: Während Frankreich fast alle Arbeitsverhältnisse per Tarifvertrag regelt (nahezu 100 Prozent), Deutschland aber nur auf knapp die Hälfte kommt und Estland beinahe gar nicht – liegen die Lohnquoten aller drei Länder doch überraschend dicht beieinander. Noch interessanter: Die Top-3-Länder mit der höchsten Lohnquote (Lettland, Kroatien, Frankreich) weisen sehr unterschiedliche Quoten der Tarifbindung auf, irgendwo zwischen einem Drittel und fast vollständiger Abdeckung. Der Blick zurück zeigt: Selbst bei deutlichen Veränderungen der Tarifbindung – Beispiel Dänemark stieg diese zwischen 2002 und 2018, doch die Lohnquote fiel; gegenteilig verlief es in Großbritannien und Estland – sind die Auswirkungen keineswegs eindeutig.
Unterm Strich: Die Wunschvorstellung, durch höhere Tarifbindung die Machtverhältnisse zwischen Arbeit und Kapital signifikant zu verschieben, wird laut IW durch die Daten nicht gestützt. Stattdessen bestimmen Produktivität, Kapitalausstattung und wirtschaftliche Entwicklung viel mehr, wie viel vom gesellschaftlichen Kuchen tatsächlich bei den Beschäftigten landet. Kurioses Detail am Rand: Deutschlands Lohnquote liegt mit 70 Prozent sogar über dem Schnitt einiger Länder mit deutlich größerer Tarifbindung.
Die Debatte um die Erhöhung der Tarifbindung in Deutschland steht in einem neuen Licht: Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft kritisiert, dass eine stärkere Tarifbindung nicht zwangsläufig zu einem höheren Anteil der Löhne am Volkseinkommen führt. In mehreren europäischen Ländern zeigen die Daten keine eindeutige Korrelation zwischen Tarifbindung und Lohnquote – Frankreich etwa hat mit nahezu vollständiger Tarifbindung eine ähnliche Lohnquote wie Länder mit bedeutend geringerer Abdeckung. Neuere Entwicklungen und Diskussionen, die unter anderem von der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel aufgegriffen werden, thematisieren zudem den Rückgang klassischer Tarifverträge und eine Diversifizierung der Beschäftigungsverhältnisse, wodurch die politischen Ziele schwerer zu erreichen sein könnten. Laut einer aktuellen Debatte in der taz werden daneben auch alternative Maßnahmen diskutiert, etwa betriebliche Mitbestimmung oder branchenspezifische Mindestlöhne, um sozialen Ausgleich unabhängig von Tarifverträgen zu fördern.