Ober-Ramstadt – Eigentlich könnte man meinen, im Jahr 2024 hätte das Teilen von Produktinformationen längst einheitlich und digital laufen sollen. Aber nein – noch immer liegt guter Teil des Wissens quer verstreut in unkoordinierten Tabellen und irgendwo in der IT der Unternehmen. Vom 30. September bis 2. Oktober versammelten sich darum über 50 Menschen unter dem Banner von Chem-X bei DAW, um am Fundament für einen digitalen Materialpass (DMP) zu arbeiten. Hauptsache: Der Datenaustausch in der Chemie wird endlich standardisiert. Was das für die Bauindustrie bedeutet? Unternehmen wie DAW können künftig recht unkompliziert Digitale Produktpässe (DPP) bieten, mit allen Nachhaltigkeitsfakten, die gefragt sind – von CO₂-Werten bis zum Anteil recycelten Materials. Das wiederum beschleunigt Planungsprozesse, weil etwa Building Information Modeling (BIM) direkt auf diese Daten zugreifen könnte.
Dr. Jörg Leuninger von DAW bringt es auf den Punkt: Mit Chem-X erschließt sich der Branche zum ersten Mal ein wirklich einheitlicher Datenraum. Für Firmen im Bausektor, die ständig komplette Produktdaten anfordern, ist das ein Segen. Hersteller müssen absehbar viel mehr Daten liefern – und zwar digital, jetzt wird das aber gestaltbar. DAW spielt dabei den Brückenbauer zwischen Chemie und Bauwesen, testet Anwendungsfälle und sorgt so dafür, dass der digitale Produktpass kein Papiertiger bleibt. So, wie etwa beim Use Case „CHEM2PAINT“ – hier wurde der Weg gezeigt, wie der Materialpass von der Farbe bis zum Malerpinsel alles abbilden kann, was Planer und Bauherren wissen wollen. Lesbar und maschinenverwertbar.
Wie sinnvoll Kooperation sein kann, zeigt laut Dr. Nicole Borho schon der bisherige Projektverlauf: Viele Köpfe aus vielen Firmen, eine Richtung – und das Ziel, wirklich praxistaugliche Lösungen zu schaffen. Am Ende zählt eben, dass Standards nicht nur auf dem Papier stehen, sondern in der Industrie funktionieren.
Kern des Treffens in Ober-Ramstadt: Das finale Datenmodell für die Version 1.0 des Materialpasses und erste Tests für die künftigen Datenflüsse zwischen Unternehmen. Das Finale von Chem-X steht 2026 an, die Open-Source-Lösung soll ab 2027 nutzbar sein. Dann, so die Hoffnung, ist der digitale Rohstoffpass keine Vision mehr, sondern Alltag.
Der Chem-X-Zusammenschluss bringt Bewegung in die Digitalisierung von Rohstoffdaten in der Chemie- und Bauindustrie. Über das Projekt hinaus wächst in Deutschland und europaweit der Druck, transparente und interoperable Lösungen für Material- und Produktpässe zu etablieren, nicht zuletzt durch anstehende Gesetzesvorgaben wie die verpflichtenden Digitalen Produktpässe im Rahmen des European Green Deals. Gleichzeitig berichten Medien aktuell, dass zahlreiche Branchen schrittweise erste Pilotanwendungen fahren und sich der deutsche Mittelstand zunehmend offen zeigt für die damit einhergehenden Transparenz- und Nachhaltigkeitsanforderungen. Gerade Bauunternehmen und Hersteller von Baustoffen werden laut neuer Studien in den kommenden Jahren zu zentralen Akteuren, weil sie verstärkt nachhaltigkeitsbezogene Produktnachweise zur Auftragsvergabe benötigen. Zugleich bleibt Unsicherheit im Detail, wie einheitlich und fälschungssicher die neuen Pässe wirklich sein werden – noch geistern viele, teils konkurrierende Standards und technische Lösungen durch die Fachwelt, wie mehrere Marktanalysen zeigen. Große Industrieverbände und NGOs betonen deshalb die Notwendigkeit gemeinsamer, praxisnaher Testverfahren und betonen, dass Open-Source-Modelle wie bei Chem-X die Eintrittsbarrieren für kleinere Betriebe senken könnten. Insgesamt steckt in der Entwicklung der Digitalen Material- und Produktpässe eine wichtige Grundlage für mehr Kreislaufwirtschaft und vernetzte Wertschöpfung, aber auch ein ordentlicher Schub Arbeit für die nächsten Jahre.