Wer zurzeit die Debatten rund um die Europäische Zentralbank verfolgt, stößt schnell auf eine Tendenz: Der nächste Zinsschritt scheint vorbereitet – so zumindest das Resümee des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) nach einer KI-Anlayse der aktuellen EZB-Reden.
Vor allem kurzfristig: Nächste Zinserhöhung so gut wie beschlossene Sache
Die Forscher aus Mannheim werteten sämtliche öffentlichen Statements der 27 Notenbanker mithilfe künstlicher Intelligenz aus. Angesichts anhaltend hoher Energiepreise und positiver Wirtschaftsdaten rechnet man beim ZEW fest damit, dass der Leitzins in Kürze von 2,25 auf 2,5 Prozent steigt. Deren Finanzmarktexperte, Friedrich Heinemann, mahnt allerdings, dass die KI-Analyse zwar die Erwartung einer bevorstehenden Zinserhöhung unterstütze, aber der weitere Kurs weniger einheitlich sei als viele Marktteilnehmer glauben.
Momentum-Indikator: Harmonie im EZB-Rat beginnt zu bröckeln
Zentrale Erkenntnis liefert ein eigens entwickelter Momentum-Indikator. Bislang lag der Wert deutlich im Bereich weiterer Zinserhöhungen, aber seit Frühjahr ist er spürbar gesunken. Sprich: Weniger Einigkeit unter den 27 Spitzenbankern, und die Falken – also die Vertreter eines härteren Kurses – verlieren langsam die Oberhand.
Weniger Wucht als letztes Jahr
Noch im zweiten Halbjahr 2022 hatte die EZB den Leitzins in einem beispiellosen Tempo auf 4,0 Prozent geschraubt. Damals herrschte weitgehend Einigkeit für eine deutliche Straffung. Jetzt wirken die Argumente vorsichtiger, ausgeloteter – vielleicht gar ein bisschen windungsreicher als noch vor ein paar Monaten. Die KI-Analyse erkennt, dass die Ratsmitglieder stärker abwägen, wie viel Zinserhöhung tatsächlich noch gebraucht wird.
Was das für die Märkte heißt
Natürlich, für Banken, Unternehmen oder Häuslebauer: Kurzfristig bleibt es wohl erstmal teurer. Aber die Analyse erinnert daran, dass sich die an den Börsen erwarteten weiteren Zinsschritte lieber in Vorsicht hüllen sollten – und der Zinspfad der EZB ab jetzt weniger gradlinig verläuft. Es mehren sich die Anzeichen, dass die Ratsmitglieder ihre Entscheidungen künftig vom jeweils aktuellen Datenbild abhängig machen, statt einfach automatisch fortzusetzen, was 2022 eingeschlagen wurde.
Stimmungsmix: Energiepreise, Inflation – und viel Debatte
Obwohl hohe Energiepreise und eine robuste Konjunktur signalisieren, dass das Inflationsproblem noch nicht vom Tisch ist, verschiebt sich die Debatte im Rat. Die jahrelange Dominanz der Falken schwindet, der Binnenstreit nimmt zu. Zuletzt hieß das im Klartext: Der Handlungsspielraum für weitere scharfe Zinsschritte sinkt – und Märkte sind gut beraten, das Wechselbad im EZB-Rat genauer zu verfolgen, als sich auf altbekannte Zinspfad-Modelle zu verlassen.
Die aktuelle Untersuchung des ZEW macht deutlich: Die EZB ist bereit, kurzfristig auf die anhaltenden Inflationsrisiken mit einer Zinserhöhung auf 2,5 Prozent zu reagieren – die damit verbundene Einheit im Entscheidungsgremium nimmt jedoch ab.
Märkte müssen umdenken?
Für Finanzmärkte und Investoren hebt die KI-Analyse hervor, dass folgerichtige Politikschritte zwar kurzfristig plausibel bleiben, der künftige Zinspfad aber von stärker voneinander abweichenden Meinungen im Rat begleitet sein wird. Unternehmen sollten nicht länger von einer "Automatik" für weitere Zinserhöhungen ausgehen – es könnte holprig werden.
Nachrecherche: Zusätzliche Einordnungen
Jüngste Berichte der FAZ, des Handelsblatts und der Süddeutschen über die kommende EZB-Sitzung bestätigen dies: Viele Experten gehen von einer Zinserhöhung aus, warnen aber vor allzu großer Erwartungshaltung weiterer Schritte, da die Datenlage zunehmend durchwachsen erscheint – von schwächelnder Industrie bis hartnäckiger Inflation.
Gleichzeitig zeigt sich, dass politische und wirtschaftliche Unsicherheiten in Europa (z.B. Konjunkturdellen in Italien und Frankreich, Unsicherheiten rund um die US-Notenbank Fed und Lieferkettenrisiken) die Prognose-Komplexität noch vergrößern, wie mehrere Wirtschaftsredaktionen jüngst betonen. In Summe bleibt der finanzpolitische Kurs der EZB absehbar restriktiv, aber längst nicht mehr so einhellig, wie es Mitte 2022 den Anschein hatte.