"Precht" im ZDF – Orientierungslos im Jetzt: Wer stiftet Sinn in bewegten Zeiten?

Mainz – Früher gaben Denker den Takt an, heute droht ihr Ruf im Netz unterzugehen. Moralisches Navigieren, so scheint es, ist schwieriger denn je. Richard David Precht ringt am kommenden Sonntag im ZDF gemeinsam mit Juli Zeh darum, ob noch jemand Orientierung anzubieten hat – oder ob wir uns an geteilten Visionen endgültig verabschiedet haben.

heute 16:59 Uhr | 4 mal gelesen

Der Tod von Namen wie Jürgen Habermas oder Alexander Kluge hinterlässt spürbare Lücken – schon mal erlebt, wie plötzlich Stille einkehrt, wenn Stimmen fehlen, die klüger waren als der Durchschnitt? Und was machen eigentlich Intellektuelle dieser Tage – geht ihre Stimme im digitalen Tumult nicht einfach verloren oder hören wir schlichtweg nicht mehr richtig hin? Die Gesellschaft, so würde man aus dem Bauch heraus heute sagen, ist über viele Krisen zersplittert und hungrig nach klugen Köpfen, die statt simpler Antworten neue Wege aufzeigen. Juli Zeh meint dazu: Gerade weil das Vertrauen in klassische Institutionen arg gelitten hat, klammern sich viele an unabhängige Denker und Denkerinnen. Aber – und das ist kein kleines "aber" – heute fehlt so ziemlich alles, was das Wir-Gefühl ausmacht: Gemeinsame Erfahrungen, tradierte Lebenswelten. Die Sehnsucht nach Richtung wird von den lauten Rändern aufgegriffen, allerdings meist rückwärtsgewandt. Eine echte, positive Zukunftsvision? Selten geworden. Precht bringt ein, dass einst, im Wind der 60er und 70er, Impulse aus der geistigen Elite eine Sogwirkung hatten, während der Diskurs heute, so sein Eindruck, festgefahren in der bequemen Mitte stecke. Man hat heute eher Angst zu verlieren, statt Lust zu gewinnen. Woran erinnert das? An ein Haus, das vielen gehört, aber niemand sich traut, es umzugestalten. Zeh erinnert an Böckenförde, der schon wusste: Demokratie baut zwar auf Vernunft, braucht aber mehr – gemeinsame Grundlagen, die sie selbst nicht hervorbringen kann. Genau das ist in einer hochgradig individualisierten Welt eine Mangelware geworden. Ein Gedanke, der nachhallt – und Schuld daran ist wohl nicht nur das Internet, sondern auch ein kollektives Unvermögen, sich auf Geschichten einzulassen, die alle angehen. Falls Sie Kontakt zum ZDF wünschen, sind Thomas Hagedorn und das ZDF-Kommunikationsteam wie gehabt erreichbar. Mehr Infos und Fotodownloads finden Sie wie eh und je online.

Precht und Zeh beschäftigen sich mit der verblassenden Rolle öffentlicher Intellektueller in einer Zeit, in der Orientierung und ein Wir-Gefühl verloren zu gehen scheinen. Der gesellschaftliche Diskurs ist laut Precht in der breiten Mitte stecken geblieben, während die Sehnsucht nach Orientierung von kleinen, oft extremen Gruppen besetzt wird – eine konstruktive, zukunftsgerichtete Debatte fehlt. Neuere Beiträge aus den Medienlandschaften sprechen das Problem tiefgreifender Demokratiekrise, politische Polarisierung und die Herausforderung an, wie mediale Sichtbarkeit, Resonanz und Verantwortung von Denkerinnen und Denkern im Zeitalter von Social Media und "Aufmerksamkeitsökonomie" neu ausgehandelt werden sollten.

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