Eigentlich war der 'Zug der Liebe' einmal als bunter, lauter Hoffnungsträger nach Loveparade-Zeiten gedacht. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Veranstalter haben mit bedrücktem Ton erklärt, dass die jüngsten Geschehnisse beim CSD alles auf den Kopf gestellt hätten: Wer jetzt noch feiern will, müsse mit starren Barrikaden, intensiven Kontrollen und jeder Menge Polizei rechnen. Und das? Das passt für sie nicht ins Konzept einer offenen, angstfreien Demo. Sie wollen nicht hinter Sicherheitsschleusen tanzen, sondern unbefangen demonstrieren – ein Anspruch, der in diesen Tagen schwer durchzuhalten ist. Deshalb? Absage. Stattdessen schließt man sich einer Veranstaltung zum Erhalt des RAW-Geländes an, so ganz will man sich also nicht aus dem Stadtbild zurückziehen. Übrigens: Der 'Zug der Liebe' war in den letzten Jahren ohnehin kleiner geworden, mehr ein Herzstück der Szene als ein Massenspektakel. Für die ganz großen Beats und Menschenmengen in Berlin gibt es aktuell eher die 'Rave The Planet Parade' – die noch stattfinden soll, Stand jetzt zumindest. Während die legendäre Loveparade einst bis zu 1,5 Millionen Tanzbegeisterte an die Spree lockte, kommt 'Rave The Planet' auf Hunderttausende, aber auch dieses Format kämpft mit abnehmenden Zahlen. Der 'Zug der Liebe' selbst schaffte zuletzt nur noch 10.000 Leute – kleine Welle statt Flut, aber trotzdem ein Verlust für die bunte Protestlandschaft Berlins.
Der 'Zug der Liebe', 2015 als friedlicher Protest-Umzug für mehr gesellschaftliches Miteinander und Liebe im Herzen Berlins ins Leben gerufen, kann nach dem Anschlag auf den CSD dieses Jahr nicht wie geplant stattfinden. Die immense Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen – wie lückenlose Ausweiskontrollen, massive Polizeipräsenz und Schutzbarrieren – kollidiert für die Veranstalter fundamental mit der Idee eines unbeschwerten, zugänglichen Protestes auf der Straße. In Berlin zeigen sich nun erneut die Zerreißproben zwischen Sicherheitsbedürfnis und Freiheit im öffentlichen Raum – und die Frage, wie offene, diverse Veranstaltungen in einer angespannten Gesellschaft noch denkbar bleiben. Laut Pressestimmen erhöht der Anschlag nicht nur das allgemeine Angstgefühl, sondern wirft auch die Frage auf, ob Berliner Subkulturveranstaltungen in Zukunft weiter schrumpfen müssen, um ihre Ideale nicht zu verraten. Auffällig: Der Trend zu rückläufigen Teilnehmerzahlen trifft nicht nur den 'Zug der Liebe'; auch Großparaden wie 'Rave The Planet' mussten zuletzt kleinere Brötchen backen. Insofern markiert die diesjährige Absage vielleicht einen Wendepunkt für politische Großevents jenseits des Mainstreams – ihr Überleben ist spürbar fragiler geworden.