Zwischen New York und Japan
Nach dem Zweiten Weltkrieg – selbst das Land ein Scherbenhaufen – begann für Kusama eine künstlerische Entwicklung, deren Sprunghaftigkeit und Radikalität auffiel. Besonders von 1958 bis 1972 tobte sie sich in New York aus; Performance, Happenings, Pop-Art – man kann wohl sagen: Sie war ihrer Zeit oft voraus oder zumindest nie so ganz darin verankert. Was mich fasziniert: Viele ikonische Werke und Aktionen fallen genau in diese Jahre, in denen sie dem Rausch von Metropole und Marginalisierung zugleich ausgesetzt war.Polka Dots für die Ewigkeit
Woran man bei Kusama kaum vorbeikommt, sind diese unbändig effektvollen Polka Dots – bunte, sich verselbständigende Punkte, die wie Parasiten alles einnehmen: Leinwände, Stühle, Kleidungsstücke oder gleich ganze Körper. Dahinter lauerte wohl stets mehr als reine Spielfreude – Kusama suchte nach neuen Regeln, vielleicht nach einer eigenen Ordnung gegen innere und äußere Wirrnis. Oder wie ich manchmal denke: Ihre visuelle Opulenz war auch eine Gegenwehr gegen das Gefühl des Verschwindens.Museum, Grenzgänge, Kontrollverluste
Dass sie mit dem Yayoi Kusama Museum in Tokio 2017 ein eigenes Denkmal setzte, war nicht ihr einziges Zeichen der Selbstermächtigung. Ihre soft sculptures, diese weichen, beinahe organisch wuchernden Skulpturen aus Stoff und Schaumstoff – da wurde die Grenze zwischen skurril und radikal oft gegenstandslos. Kusama trat Erwartungen mit einer Mischung aus Trotz, Verletzlichkeit und Experimentierwut entgegen. Und ganz ehrlich: Ich bewundere ihren offenen Umgang mit Ängsten und ihre Neugier, die nie eingerostet ist.Ungebrochene Wirkung und Rückblick
Gebürtig in Matsumoto, begründete sie eine eigene Bildsprache, die Generationen inspiriert, nicht zuletzt durch die phänomenal verspielten Infinity Mirror Rooms; Räume, die wie ein Labyrinth aus Licht und Spiegeln wirken. Ihre Arbeiten fordern zum Eintauchen und Hinterfragen auf: Wer sind wir – und wie viel davon lösen wir im Unendlichen auf? Kusama hat damit Diskussionen über Kunst und psychische Gesundheit in Japan und weltweit angeschoben – etwas, das bleibende Spuren hinterlässt.Ob in Paris, Berlin oder Tokio: Noch immer reißen sich Museen um Ausstellungen mit Kusamas großformatigen Werken. Ihr Tod ist eine Art Zäsur, aber in Wahrheit bleibt ihre Kunst radikal gegenwärtig – und vermutlich wird sie noch eine ganze Zeit lang weiterwuchern, als wäre Kusama immer noch da.
Yayoi Kusama, geboren im Jahr 1929, wuchs in einer restriktiven japanischen Familie auf, was ihre spätere künstlerische Freiheit umso bemerkenswerter macht. Die Welt kennt sie vor allem für ihre hypnotischen Punktmuster – aber auch als Frau, die sich seelischen Herausforderungen stellte und diese Offenheit zu ihrem Markenzeichen machte. Mit Installationen wie den 'Infinity Rooms' schuf sie Erlebnisse, die das Publikum in die Irre führen, faszinieren, manchmal überwältigen; nicht selten war ihre Kunst ihr persönlichster Zufluchtsort, was in Interviews und Biografien immer wieder thematisiert wurde. Im Rückblick wird Kusama nicht nur als prägende Figur der japanischen und globalen Gegenwartskunst gewürdigt, sondern auch als Mutmacherin im Gespräch über psychische Gesundheit; keine Selbstverständlichkeit, im Kontext ihrer Zeit. Weltweit laufen derzeit zahlreiche Sonderausstellungen, von Paris bis Berlin, die ihre künstlerische Gegenwart nochmals bekräftigen. Zudem wird ihr Einfluss auf jüngere Generationen und die Popkultur stärker wahrgenommen denn je.