„Wir lehnen diese Brandmauer ab. Sie ist Unsinn, sie hat nichts gelöst und ist letztlich gescheitert“, meint Sahra Wagenknecht im Interview – ganz direkt, ganz undiplomatisch. Sie sieht es als undemokratisch an, eine Partei, die von so vielen Menschen gewählt wird, pauschal auszuschließen, unabhängig davon, was sie über deren Inhalte denkt. Was also tun, wenn die politischen Fronten erstarren? Wagenknecht setzt auf ein parteiübergreifendes Kabinett, geführt von einem unabhängigen Ministerpräsidenten ohne Polarisation. Entscheidungen sollten mit wechselnden Mehrheiten getroffen werden – auch mit Beteiligung der AfD. Ihr Vorschlag ist gewagt: eine Art Expertenregierung, bei der die AfD zwar mitgestalten kann, aber nicht die alleinige Macht erhält. "Wenn man die AfD immer nur aussperrt, wächst sie eines Tages vielleicht zur absoluten Mehrheit heran. Das dient weder der Demokratie noch dem gesellschaftlichen Miteinander“, argumentiert sie. Sie will, dass das Votum der Wähler ernst genommen wird – auch wenn sie die AfD ablehnt. "Klar, auch in der AfD gibt es Figuren, die ich problematisch finde. Aber trotzdem: Die Leute machen ihr Kreuz dort, das kann man nicht ignorieren." Wagenknecht geht es letztlich darum, dass Parteien sich nicht als Oberlehrer aufspielen sollen, sondern echte Lösungen aus der Sackgasse suchen. Gewiss, ganz risikofrei ist ihr Vorschlag nicht. Aber sie sagt: "Die Realität muss zur Kenntnis genommen werden." Und das Mitregieren lassen, ohne absolute Macht abzugeben, sieht sie als demokratischen Mittelweg.
Sahra Wagenknecht will neue Wege in der Regierungsbildung gehen – insbesondere, indem sie die konsequente Ausgrenzung der AfD kritisiert. Ein unabhängiger Ministerpräsident und eine Expertenregierung mit wechselnden Mehrheiten, auch unter zeitweiser Einbeziehung der AfD, werde als realistischer Versuch verstanden, der politischen Spaltung zu begegnen. Die Demokratie sei darauf angewiesen, das Wählervotum ernst zu nehmen, selbst wenn es unbequem sei. – In jüngeren Debatten wurde Wagenknecht für ihren Ansatz teils scharf kritisiert, etwa mit Blick auf die Gefahr, die AfD so weiter zu normalisieren (bspw. kommentiert in der Süddeutschen Zeitung). In Sachsen-Anhalt und ostdeutschen Bundesländern nähert sich die AfD immer häufiger absoluten Mehrheiten, was den Druck auf die etablierten Parteien erhöht. Im politischen Berlin wird über das sogenannte 'Brandmauer-Prinzip' debattiert – mit ganz unterschiedlichen Einschätzungen zur Demokratieverträglichkeit einer Zusammenarbeit mit rechten Kräften. Auch Beobachter aus dem Ausland verfolgen diese Entwicklungen mit wachsender Sorge, da Deutschland politisch als Gradmesser für Europa gilt.