Eine aktuelle Befragung des 'Tagesspiegel Background' unter den wichtigsten deutschen Forschungseinrichtungen verdeutlicht diesen Trend deutlich. So registrierte die Humboldt-Stiftung im letzten Jahr einen Bewerbungsanstieg aus den USA um satte 32 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders im letzten Quartal 2025 gingen doppelt so viele Anträge ein wie im entsprechenden Zeitraum zuvor – was schon ein ziemlich starkes Signal ist. Der DAAD berichtet auch von kräftigen Zuwächsen: Das begehrte 'Studienstipendium in Deutschland' wurde doppelt so oft beantragt, die Anträge für 'RISE Germany' legten um 31 Prozent zu. Noch das 'Forschungsstipendium' zog mehr Interessenten an, wenn auch eher im kleineren Rahmen.
Die Leibniz-Gemeinschaft sieht einen ähnlichen Effekt, zumindest bei einigen ihrer Institute mit mehr US-Bewerbungen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft spürt eine breite Welle von Anfragen nach Fördermöglichkeiten – genaue Zahlen sind aber schwierig. Die Max-Planck-Gesellschaft wiederum bezeugt, dass das Bedürfnis, nach Deutschland oder zumindest Europa auszuwandern oder zu bleiben, in den letzten Jahren unter US-Forschern deutlich zugenommen hat. Das war vor ein paar Jahren ganz anders, wie die Sprecherin recht offen meint.
Die Helmholtz-Gemeinschaft schaut mehr auf die Gesamtzahl der Forschenden aus den USA, die eine Anstellung oder einen langfristigen Aufenthalt haben. Hier schlägt sich der Trend etwas zögerlicher nieder: Für 2025 wurde ein Plus von elf Prozent bei langen Aufenthalten registriert, aber weniger US-Gastwissenschaftler. Die Fraunhofer-Gesellschaft bemerkt derweil, dass die USA als Magnet für Talente nicht mehr den alten Glanz haben – wovon vor allem Europa und eben Deutschland profitieren. Konkrete Zahlen haben sie aber noch nicht nachgelegt.
Das veränderte Klima wirkt sich übrigens nicht nur auf Fachkräfte aus den USA aus. Auch Studierende und Wissenschaftler aus China und Indien interessieren sich wegen strikterer US-Visavorschriften zunehmend für Deutschland.
Deutschland profitiert weiterhin spürbar vom veränderten globalen Wissenschaftsklima, insbesondere weil die USA für viele Forscher deutlich an Attraktivität verlieren. Nicht nur der Einfluss politischer Strömungen in den Vereinigten Staaten und die restriktivere Visapolitik spielen eine Rolle – viele nennen auch das offene Forschungsumfeld und die vielfältigen Fördermöglichkeiten in Deutschland als Pluspunkte. Hinzu kommt, dass deutsche Forschungseinrichtungen international vernetzt sind und Englisch oft als Arbeitssprache verwendet wird, wodurch Deutschland für Talente aus aller Welt – auch aus traditionellen Herkunftsländern wie China, Indien, aber zunehmend auch aus Krisenländern – zunehmend als Karriere-Sprungbrett attraktiv erscheint. In den letzten 48 Stunden berichten mehrere Medien, dass deutsche Universitäten und Institute mit neuen Programmen gezielt um internationale Wissenschaftler werben und dadurch ihren eigenen Fachkräftemangel abmildern wollen. Gleichzeitig wird aber auch diskutiert, ob Deutschland genug tut, um Forscher nach dem Zuzug dauerhaft zu halten, zum Beispiel durch berufliche Perspektiven und gesellschaftliche Offenheit.