Unter falscher Flagge: Die Details eines Coupes
Es klingt fast wie ein Plot aus einem alten Spionageroman: Ein junger, kluger Jurist wird im Auftrag des BND unter die Verteidiger des berüchtigten Nazi-Logistikers Adolf Eichmann geschmuggelt. Pikant daran ist vor allem, dass das Kanzleramt nicht nur informiert, sondern offenbar sogar federführend war. Das Ziel war alles andere als nobel. Sobald Hinweise auf Hans Globke und andere in juristischer Grauzone verschwundene Akteure auftauchten, sollte der Agent sie im Keim ersticken. Kaum zu glauben, wie still und leise solche Operationen im Schatten der Weltöffentlichkeit abliefen.Globke: Ein Name, der nicht fallen durfte
Hans Globke, der sich – fast tragikomisch – von seiner NS-Vergangenheit emporarbeitete, wurde im Nachkriegsdeutschland für die Regierung unersetzlich. Es wirkte, als hätte er eine Art Schutzschild aus Kaltschnäuzigkeit und politischer Notwendigkeit um sich gebaut. Dass die Republik alles dafür tat, ihn aus dem Schussfeld zu nehmen, erscheint einerseits pragmatisch und entlarvt andererseits menschliche Schwächen – etwa die Angst vorm endgültigen Gesichtsverlust.Die Schatten werfen lange Linien
Was Henke in "Vergangenheitsabwehr" ausbreitet, liest sich wie eine Gebrauchsanleitung für institutionelle Amnesie. Die bewusste Nähe von Politik und Geheimdienst im jungen Staat wirkt heute beinahe grotesk, wenn man bedenkt, wie sehr man sich rückblickend einen sensibleren Umgang mit Tätern und Verantwortung gewünscht hätte. Man fragt sich, wie viele solcher Operationen wohl niemals ans Licht kommen werden. Oder ob Aufarbeitung immer ein Hoffen auf den Sag-Nebensatz im falschen Protokoll bleiben muss.Was bleibt davon – und woran erinnert das?
Der Kernskandal: Der Versuch, die Nachkriegswirklichkeit in ein anderes Licht zu rücken, war offenbar Methode, nicht Zufall. Das meiste im Staate hielt dicht, zumindest solange, bis Historiker – wie Henke – unbequeme Fragen stellten. Es zeigt sich, dass auch in Demokratien Machterhalt manchmal über ehrliche Aufarbeitung gesiegt hat. Vielleicht reagiere ich darauf zu streng, vielleicht auch nicht. Aber ein fahler Nachgeschmack bleibt.Der Historiker Klaus-Dietmar Henke lieferte jüngst den Beleg dafür, dass 1961 auf Geheiß des Kanzleramts ein mit dem BND verflochtener Jurist in das Verteidigerteam Eichmanns eingeschleust wurde. Ziel war, Verbindungen zu teils hochrangigen Mitarbeitern der Bundesregierung, allen voran Hans Globke, aus dem Fokus juristischer und öffentlicher Ermittlungen zu halten. Henkes Enthüllungen, gestützt auf zuvor verschlossene Akten, geben einen beunruhigenden Einblick: Die Adenauer-Regierung instrumentalisierte gezielt den BND, um NS-Kontinuitäten zu verwischen und die politische Nachkriegselite zu schützen – ein Vorgang, der die Diskussion um deutsche Vergangenheit wohl noch lange befeuern wird. Recherche-Update 2024: Einige tagesaktuelle Recherchen vertiefen die Bedeutung der neu veröffentlichten Akten und kontextualisieren das Thema in unterschiedliche Blickrichtungen. 1. Die Süddeutsche Zeitung hebt besonders hervor, wie die Bundesregierung damals befürchtete, durch die internationale Aufmerksamkeit auf den Eichmann-Prozess könnten Verbindungen zu NS-belasteten Politikern außerhalb Deutschlands aufgedeckt werden. Der BND betrieb demnach eine strategisch angelegte Einflussoperation, deren langfristige Nachwirkungen in der politischen Kultur bis heute spürbar sind (Quelle: Süddeutsche Zeitung). 2. Bei Zeit Online wird angemerkt, wie sich durch die Einsicht in bislang geheime Akten ein deutlicheres Bild von der Zusammenarbeit zwischen deutschem Staat und Geheimdiensten während des Kalten Krieges ergibt, insbesondere mit Blick auf den Schutz und die Rehabilitation ehemals belasteter Funktionsträger (Quelle: Die Zeit). 3. Die FAZ ordnet ein, dass das Bekanntwerden dieser Spionageaktion und ihr unmittelbarer Bezug zum Kanzleramt neue Fragen nach Verantwortlichkeit und einer kritischeren Bewertung der frühen Bundesrepublik aufwirft. Besonders die Rolle des BND als ‚Wächter der historischen Amnesie‘ steht im Fokus der aktuellen Debatte (Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung).