Erbschaftsteuer und Vermögenskonzentration: DIW prangert Ungerechtigkeit an

Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht im starken Anstieg der Erbschafts- und Schenkungssteuern ein klares Zeichen: Das Vermögen in Deutschland häuft sich immer mehr bei wenigen – und wird steuerlich kaum angetastet. Er fordert einschneidende Änderungen, die auch die Debatte um Alterssicherung und gesellschaftlichen Ausgleich neu befeuern.

heute 12:43 Uhr | 2 mal gelesen

Kaum jemand spricht gern über Erbschaften – ein Thema, das wie ein alter, dröhnender Heizkörper im Hintergrund mitschwingt. Doch Marcel Fratzscher, Chef des DIW, hält es für fahrlässig, wie wenig Aufmerksamkeit darauf liegt, wie viel Reichtum in den nächsten Jahren in Deutschland einfach so, quasi lautlos, den Besitzer wechselt.

Besondere Dynamik bei Erbschaftssteuern

Sind es nur abstrakte Zahlen oder verbirgt sich dahinter mehr? Die jüngste Entwicklung der Erbschaft- und Schenkungssteuereinnahmen, die rapide ansteigen, scheint kaum jemanden zu wundern. Fratzscher meint: Das ist das Echo einer gewaltigen Vermögensverschiebung. Inzwischen gehen Jahr für Jahr zweistellige Milliardenbeträge durch Erbe und Schenkung von Hand zu Hand. Und zwar nicht nur Häuser und Unternehmen – sondern vor allem Unsichtbares: Aktien, Sparguthaben, Grundbesitz. Während viele das entspannt zur Kenntnis nehmen, bleibt die gesellschaftliche Brisanz fast unangetastet.

Zwischen Generationengerechtigkeit und Wohlstandslawine

Das große Thema im politischen Berlin: die Absicherung fürs Alter. Dennoch, so Fratzscher, schiebt man die Fragen rund um Vermögen häufig zur Seite. Es gehe selten um gerechte Beteiligung, eher um die immergleichen Schuldzuweisungen von Jung gegen Alt oder umgekehrt. Dabei ist erstaunlich: Die Masse des geerbten Reichtums entkommt fast unbemerkt der Steuer – still und heimlich. Wer sein Leben lang malocht, wird mit hohen Steuern konfrontiert. Erbschaften dagegen? Fast Schonzone.

Steuerliche Schieflage: Arbeit versus Erbe

Rund 500 Milliarden Euro sollen 2023 auf diese Weise umverteilt worden sein – davon ging, und das finde ich immer wieder erstaunlich, gerade mal ein kleiner Bruchteil als Steuer an den Staat. Während Arbeitseinkommen mitunter fast zur Hälfte an die Steuer fließt, werden Erbschaften selten stärker belastet als ein günstiger Gebrauchtwagenhandel. Eine Schieflage, die schon fast nach Ironie riecht.

Wer hat's verdient?

Fratzscher nennt es deutlich: Wenn Einkommen ohne eigene Anstrengung von einer Generation zur nächsten plätschert, kann das kaum gerecht sein. Es ist eben nicht das Prinzip Leistung, das hier greift – sondern Geburt oder günstige Verwandtschaft. Von echter gesellschaftlicher Teilhabe kann da wenig Rede sein. Gleichzeitig: Im Ausland runzelt man die Stirn, warum ausgerechnet das Land der Leistungsträger die passivsten Vermögen so sanft behandelt. Manchmal frage ich mich: Sind wir in Sachen Vermögensgerechtigkeit vielleicht zu bequem geworden? Man könnte fast meinen, die alten Regeln halten, weil sie schon immer so waren – und das vielleicht sogar bequemer für viele.

Das DIW wirft in Person von Marcel Fratzscher einen kritischen Blick auf die wachsende Konzentration von Vermögen in Deutschland – sichtbar besonders bei den hohen Summen, die jährlich vererbt und verschenkt werden.

Kontraste bei der Steuerlast

Die Besteuerung von Arbeit und Konsum ist nach wie vor sehr hoch, während die staatlichen Einnahmen aus Erbschaften angesichts der gewaltigen Summen unverhältnismäßig niedrig bleiben. Fratzscher prangert diese Diskrepanz an und sieht darin einen Kern der sozialpolitischen Debatte um Gerechtigkeit und das Leistungsprinzip.

Politische Diskussion nimmt Fahrt auf

Nicht nur das DIW, sondern auch andere Fachleute und Teile der Politik fordern längst eine Neuausrichtung bei der Behandlung von unverdientem Reichtum – insbesondere vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und der geforderten Stabilisierung der Rentenkasse.

Aktuelle Fakten und Stimmen aus den Medien

Im Jahr 2023 erreichten die Einnahmen aus Erbschaft- und Schenkungssteuer laut Statistischem Bundesamt mit 11,4 Milliarden Euro einen Rekordwert, was die Debatte über Steuergerechtigkeit erneut entfacht (Quelle: FAZ). Die Regierungskoalition überlegt derzeit, wie Renten- und Steuersystem besser austariert werden können, während Stimmen aus Wirtschaft und Wissenschaft eine verschärfte Erbschaftsbesteuerung anregen (Quelle: SPIEGEL). International wird Deutschland immer wieder geraten, die großzügigen Regelungen für Erben zu begrenzen, um die extreme Vermögenskluft abzubauen (Quelle: ZEIT).

Neue Details aus aktuellen Recherchen

Zusätzlich zeigen aktuelle Analysen, dass Immobilien und Unternehmensanteile besonders häufig steuerlich begünstigt vererbt werden – und dass Diskussionen um "Supererben" und Familienunternehmen die Debatte verschärfen (FAZ, 18.6.2024). Einige Politiker wollen die Freibeträge senken und die Ausnahmeregeln für Betriebsvermögen beschränken, was auf den massiven Druck von Lobbyverbänden trifft (Spiegel, 17.6.2024). In europäischen Rankings fällt Deutschland gerade beim Thema Vermögenskonzentration und steuerliche Behandlung von Erbschaften international immer stärker ab (Zeit, 18.6.2024).

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