Kaum jemand spricht gern über Erbschaften – ein Thema, das wie ein alter, dröhnender Heizkörper im Hintergrund mitschwingt. Doch Marcel Fratzscher, Chef des DIW, hält es für fahrlässig, wie wenig Aufmerksamkeit darauf liegt, wie viel Reichtum in den nächsten Jahren in Deutschland einfach so, quasi lautlos, den Besitzer wechselt.
Besondere Dynamik bei Erbschaftssteuern
Sind es nur abstrakte Zahlen oder verbirgt sich dahinter mehr? Die jüngste Entwicklung der Erbschaft- und Schenkungssteuereinnahmen, die rapide ansteigen, scheint kaum jemanden zu wundern. Fratzscher meint: Das ist das Echo einer gewaltigen Vermögensverschiebung. Inzwischen gehen Jahr für Jahr zweistellige Milliardenbeträge durch Erbe und Schenkung von Hand zu Hand. Und zwar nicht nur Häuser und Unternehmen – sondern vor allem Unsichtbares: Aktien, Sparguthaben, Grundbesitz. Während viele das entspannt zur Kenntnis nehmen, bleibt die gesellschaftliche Brisanz fast unangetastet.Zwischen Generationengerechtigkeit und Wohlstandslawine
Das große Thema im politischen Berlin: die Absicherung fürs Alter. Dennoch, so Fratzscher, schiebt man die Fragen rund um Vermögen häufig zur Seite. Es gehe selten um gerechte Beteiligung, eher um die immergleichen Schuldzuweisungen von Jung gegen Alt oder umgekehrt. Dabei ist erstaunlich: Die Masse des geerbten Reichtums entkommt fast unbemerkt der Steuer – still und heimlich. Wer sein Leben lang malocht, wird mit hohen Steuern konfrontiert. Erbschaften dagegen? Fast Schonzone.Steuerliche Schieflage: Arbeit versus Erbe
Rund 500 Milliarden Euro sollen 2023 auf diese Weise umverteilt worden sein – davon ging, und das finde ich immer wieder erstaunlich, gerade mal ein kleiner Bruchteil als Steuer an den Staat. Während Arbeitseinkommen mitunter fast zur Hälfte an die Steuer fließt, werden Erbschaften selten stärker belastet als ein günstiger Gebrauchtwagenhandel. Eine Schieflage, die schon fast nach Ironie riecht.Wer hat's verdient?
Fratzscher nennt es deutlich: Wenn Einkommen ohne eigene Anstrengung von einer Generation zur nächsten plätschert, kann das kaum gerecht sein. Es ist eben nicht das Prinzip Leistung, das hier greift – sondern Geburt oder günstige Verwandtschaft. Von echter gesellschaftlicher Teilhabe kann da wenig Rede sein. Gleichzeitig: Im Ausland runzelt man die Stirn, warum ausgerechnet das Land der Leistungsträger die passivsten Vermögen so sanft behandelt. Manchmal frage ich mich: Sind wir in Sachen Vermögensgerechtigkeit vielleicht zu bequem geworden? Man könnte fast meinen, die alten Regeln halten, weil sie schon immer so waren – und das vielleicht sogar bequemer für viele.Das DIW wirft in Person von Marcel Fratzscher einen kritischen Blick auf die wachsende Konzentration von Vermögen in Deutschland – sichtbar besonders bei den hohen Summen, die jährlich vererbt und verschenkt werden.