Stimmung kippt: Historiker sieht westdeutschen Frust über ostdeutsche Klagen

Magnus Brechtken, Historiker und Vize-Leiter des Instituts für Zeitgeschichte, spürt wachsende Gereiztheit im Westen Deutschlands angesichts dauerhafter Kritik und Forderungen aus den neuen Bundesländern. Für viele Westdeutsche sei das Maß voll, besonders wenn es um die finanziellen Zuschüsse und die dauerhaft gefühlte Differenz geht. Brechtken selbst zieht einen deutlichen Trennstrich und wirft dem Osten eine fragwürdige, auf Mythen fußende Identitätssuche vor.

heute 09:02 Uhr | 2 mal gelesen

Brechtken bringt es relativ nüchtern auf den Punkt: Die weitverbreitete Erzählung, dass Ostdeutsche per se ärmer seien oder über weniger Vermögen verfügen, sei ein Trugbild – jedenfalls, was die Ursachen betrifft. 'Niemand im Westen hat den Ostdeutschen etwas gestohlen', sagt er und verweist darauf, dass die DDR schlicht 40 Jahre lang über ihre eigenen Verhältnisse gelebt habe. Wirtschaftlich gesehen sei spätestens 1989 nichts mehr zu holen gewesen, der Staat war ökonomisch ausgezehrt. Die Vorstellung, innerhalb von gut drei Jahrzehnten sollten die Unterschiede komplett verschwunden sein – Brechtken hält das für eine Illusion. Außerdem, so moniert er, handele die Politik oft zu vorsichtig, wolle den Osten ständig behüten, so als bräuchte er Sonderrechte oder Trostpflaster. Gerade bei offiziellen Festreden – nehmen wir mal die zum 3. Oktober – dominieren beschwichtigende Worthülsen, statt die harte Realität und die historischen Wurzeln der Unterschiede klar anzusprechen. Für Brechtken fehlt da der Mut, Klartext zu reden. Es gebe genug Gründe, auch kritischer zu erinnern, nicht nur zu bemuttern.

Der Historiker Magnus Brechtken weist darauf hin, dass viele Westdeutsche zunehmend die Geduld verlieren, wenn immer wieder Klagen über Vermögensunterschiede und soziale Benachteiligung aus dem Osten kommen. Den Grund liege nicht im Verhalten der Westdeutschen, sondern in den Jahrzehnten des wirtschaftlichen Stillstands und der Substanzzehrung der DDR. Brechtken wirft der politischen Führung vor, aus Reflex lieber warmherzig als ehrlich zu sein und mit einer Wohlfühl-Erzählweise kritische Fakten zu überdecken. Es gibt Zweifel daran, ob eine Identitätsfindung im Osten nicht eher auf unreflektierte Mythen statt auf aufgearbeiteten historischen Tatsachen beruht. Aktuelle Recherchen zeigen, dass insbesondere im Vorfeld des 17. Juni und des kommenden Tages der Deutschen Einheit die Diskussion über Ost-West-Differenzen wieder aufflammt. Debatten reichen von steigender Unzufriedenheit in Ostdeutschland bis hin zu politischen Folgen, etwa der wachsenden Unterstützung für Protestparteien. Die öffentliche Diskussion bleibt gespalten zwischen Forderungen nach mehr Empathie und dem Wunsch, die historischen und sozialen Realitäten offen zu benennen.

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