Alternative Proteinquellen gelten als einer der heißesten Trends der Zukunft. Studien von Boston Consulting Group und Blue Horizon prognostizieren, dass bis 2035 rund 97 Millionen Tonnen solcher Alternativen weltweit produziert werden. Jonathan Roberz, Mitgründer und COO von MicroHarvest, bringt es auf den Punkt: 'Bleiben wir abhängig von Importen aus Südamerika oder den USA, können wir bei Krisen schnell im Regen stehen.' Die Leuna-Fabrik soll genau hier gegenhalten.
Das Prinzip: In industriellen Stahltanks werden Mikroorganismen mit Melasse – einem regional verfügbaren Nebenprodukt aus der Zuckerproduktion – gefüttert. Nach 24 Stunden entsteht daraus proteinreiche Biomasse, die getrocknet und als Pulver gewonnen wird. Dieses Pulver hat sogar einen höheren Proteingehalt als Hühnchen, enthält wichtige Aminosäuren und Vitamine, und das alles unabhängig vom Wetter oder internationalen Zutatenmärkten. Der Prozess ist zudem frei von Gentechnik und läuft das ganze Jahr.
MicroHarvest hat die Machbarkeit ihres Konzepts bereits bewiesen, als sie Ende 2023 in Lissabon eine kleine Pilotanlage in Betrieb nahmen. Die Erkenntnisse dienen jetzt als Blaupause für Leuna. Mit Unterstützung von Drees & Sommer erfolgt die Entwicklung des komplexen Neubaus Hand in Hand mit verschiedensten Spezialisten: von der Rohstofflogistik über die technischen Anlagen bis zu Laboren und Büros. Zuerst werden 25 neue Jobs geschaffen, wobei die Proteinproduktion zunächst auf Tiernahrung ausgerichtet ist. Innovative Snacks für Tiere sind bereits gemeinsam mit Partnern auf dem Markt. Später, sobald die EU-Lebensmittelbehörde EFSA grünes Licht gibt, will MicroHarvest das Eiweiß auch als Zutat für menschliche Nahrung anbieten – etwa in Riegeln oder Fleischalternativen. So können aus Futter für Mikroben am Ende Zutaten für den Mittagstisch werden.
Mit der geplanten Fabrik im Chemiepark Leuna setzt MicroHarvest auf eine innovative Lösung, um Europas Abhängigkeit von importiertem Protein zu verringern. Die Produktion basiert auf einer effizienten Fermentation von Agrar-Nebenströmen, ist klimafreundlich, schnell und bietet regionale Wertschöpfung. Im aktuellen Diskurs um Ernährungssicherheit und Nachhaltigkeit bekommt diese Entwicklung besonderes Gewicht, zumal alternative Proteinquellen nach Einschätzung zahlreicher Fachleute und Institute als entscheidender Baustein für die ökologische Transformation der Lebensmittelbranche gelten. Neuere Entwicklungen im Bereich Precision-Fermentation und mikrobielle Proteinproduktion zeigen, dass viele Food-Tech-Startups weltweit in ähnliche Richtungen arbeiten, vor allem um Futtermittel, aber zunehmend auch Lebensmittel innovativ zu gestalten. Die Kooperation zwischen MicroHarvest und Drees & Sommer, die sämtliche Planungs-, Steuerungs- und Realisierungsleistungen integriert, gilt in der deutschen Industrielandschaft als Blaupause, wie komplexe Infrastrukturprojekte im Bereich nachhaltiger Ernährung erfolgreich umgesetzt werden können. Zudem stehen europäische Player wegen gestiegener Energiepreise und Rohstoffkosten vermehrt unter Innovationsdruck – was Projekte wie in Leuna, aber auch andere Entwicklungen wie die Ausweitung der Sojaproduktion in Europa und die gezielte Förderung alternativer Proteine, in den Fokus rückt. Laut einer aktuellen Analyse (s. „Sojaanbau – Europäische Sojaernte erreicht Rekordwert“) beschäftigt sich auch die Politik zunehmend mit der Frage der Rohstoffsouveränität und sucht den Schulterschluss mit Technologieunternehmen.