Manchmal hat ein Satz mehr Sprengkraft, als man auf den ersten Blick ahnt. "Unternehmen, die sich dem Wandel verweigern, könnten günstiger und länger emissionsreich produzieren", warnt Stefan Rauber – so jedenfalls seine Einschätzung, die er dem 'Spiegel' gegenüber äußerte. Was nach nüchterner Analyse klingt, ist in Wirklichkeit eine sehr reale Sorge: Wer sich dem CO2-armen Umbau stellt, sieht sich durch eine zu laxe CO2-Bepreisung plötzlich im Nachteil. Das betrifft nicht nur das eigene Geschäft, sondern auch die Bereitschaft der Kunden, mehr Geld für umweltfreundlichen Stahl auf den Tisch zu legen.
Rauber hat – wie kaum jemand sonst in der deutschen Stahlbranche – derzeit einen guten Einblick. Unter seiner Führung pumpen Saarstahl und Dillinger Hütte derzeit knapp 4,6 Milliarden Euro (teils mit Staatshilfe) in den Umbau ihrer Anlagen, um CO2 einzusparen und auf Wasserstoff zu setzen. Das Problem: Die gesamte betriebswirtschaftliche Planung basiert auf steigenden CO2-Preisen. Sollten diese aber durch den EU-Emissionshandel reformbedingt ins Taumeln kommen, droht eine schmerzhafte Schieflage.
Ab Mitte Juli will die EU-Kommission genau darüber entscheiden. Um kriselnde Industrien nicht weiter unter Druck zu setzen, stehen Ausnahmen und eine langsamere Reduktion von Emissionsrechten im Raum. Brüssel denkt sogar darüber nach, 'Vorreiter' mit Zusatz-Zertifikaten zu belohnen, die sie weiterverkaufen dürfen. Klingt nach offenem Markt, birgt laut Rauber aber ein großes Risiko: Was, wenn der Preis plötzlich einknickt? "In der Theorie stimmig, in der Realität ein unberechenbares Pokerspiel", lautet Raubers Fazit. Investitionen in Wasserstoff, meint er, verlieren in so einer Gemengelage spürbar an Attraktivität. Fazit: Weniger Wettbewerb, steigende Kosten – das sei alles andere als ein Modell für die Zukunft.
Die Debatte um die Reform des EU-Emissionshandels nimmt an Fahrt auf. Unternehmen wie Saarstahl warnen eindringlich vor einer Abschwächung der bisherigen Regeln, da sonst der teure Umstieg auf klimafreundliche Technologien ins Stocken gerät oder sogar unrentabel wird. Aktuelle Berichte in Medien bestätigen, dass viele deutsche und europäische Industriefirmen dem EU-Kurs kritisch gegenüberstehen – aus Angst, bei Investitionen wie dem Wasserstoffhochlauf auf unsicherem Terrain zu landen. Die Linie der EU-Kommission ist dabei nicht eindeutig: Einerseits will sie Klimaambitionen stärken, andererseits die Existenzgrundlage energieintensiver Branchen sichern. Das macht die Diskussion rund um CO2-Zertifikate hochgradig komplex. Laut aktuellen Analysen (z.B. FAZ, Zeit, Spiegel) ist noch völlig offen, wie Brüssel die Balance zwischen Transformation und Wettbewerbsfähigkeit finden will. Fakt ist: Die Dynamik um die CO2-Preise bleibt ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor für viele Unternehmen auf dem Weg zur Klimaneutralität.