Gerade weil der ESC ein so außergewöhnliches Fest der Diversität ist, hält Roth das Fernbleiben einzelner Länder für kontraproduktiv. Sie findet: Viele der israelischen Acts, die dort auftreten, repräsentieren ein weltoffenes, fortschrittliches Israel, das sich klar von der aktuellen Regierung abgrenzt. Roth erinnert etwa an Dana International mit ihrem legendären Sieg '98 und Netta Barzilai, die 2018 gewann – beides Ikonen, die für Vielfalt und ein pluralistisches Israel stehen, keineswegs für militärische oder völkerrechtswidrige Politik. Schade, meint Roth, dass selbst Länder wie Irland, traditionell eine Größe im ESC-Rampenlicht, jetzt die Chance vergeben, Zeichen zu setzen. Ihrer Ansicht nach bietet gerade der Song Contest Raum für unüberhörbare politische Statements, wie Conchita Wurst aus Österreich oder die Ukraine im Schatten des russischen Angriffs eindrucksvoll bewiesen haben. So, denkt sie, bringt Boykott am Ende niemandem etwas – außer dass der Dialog erstickt.
Claudia Roth betrachtet den ESC nicht einfach als Show, sondern als ein Symbol für internationale Solidarität, Subkultur und politische Einflussnahme ohne Gewalt. Der Boykott, insbesondere von Ländern wie Irland, sei ein Rückschritt, da damit Künstler:innen, die für Offenheit stehen, ausgeklammert werden. Aktuelle Recherchen zeigen: Der Ukraine-Krieg, Proteste aus der queeren Community und die Debatte um Israels Präsenz sorgten im Vorfeld für Debatten um Kunstfreiheit und Verantwortung der Veranstalter; dennoch bleibt der ESC für viele eine der wichtigsten Bühnen für gesellschaftspolitische Botschaften.