Der große Selbstbetrug: Warum Führungsetagen oft im Nebel tappen

Berlin – Entscheidungen im Management und öffentlichen Bereich verlassen sich meist auf Erfahrung, Bauchgefühl und kollektive Zustimmung. Doch wie verlässlich ist das wirklich?

16.02.26 11:28 Uhr | 49 mal gelesen

Wir Menschen fühlen uns sicher, wenn wir etwas gemeinsam abwiegen, diskutieren – und am Ende eine Entscheidung treffen, die sich für alle plausibel anfühlt. Allerdings, und das ärgert mich regelmäßig: Was wie kluge Strategie aussieht, ist in Wahrheit oft eher ein Streifzug im Nebel. Sascha Rissel, der CEO von mAInthink, spricht hierzu von einem 'Tal voller kleiner Hügel', auf denen alle glauben, ganz oben zu sitzen. Ein treffendes Bild: Niemand schaut über den eigenen Horizont hinaus – niemand misst objektiv, ob es nicht noch ganz andere, vielleicht viel höhere Gipfel gäbe. Dieses Grundproblem begegnet uns überall dort, wo nicht nur eine einzige Lösung existiert, sondern unzählige Möglichkeiten nebeneinanderstehen – in Gemeinderäten, Vorständen, Ministerien. Bei 50 Projekten, so rechnet Rissel vor, ergibt sich schwindelerregend: mehr als eine Billiarde mögliche Kombinationen. Übel eigentlich, wenn man bedenkt, dass in so einem riesigen Wald aus Chancen und Risiken faktisch niemand mehr den ganzen Überblick behalten kann. 'Die Verantwortlichen blicken immer nur auf einen winzigen Ausschnitt – und schließen daraus, sie hätten schon alles gesehen', meint Rissel. Es ist ein bisschen wie dieses Kinderspiel: Wer versteckt sich hinter welchem Vorhang? Man tappt im Halbdunkel, manchmal findet man den Hauptgewinn. Meist aber nicht. Was bedeutet das praktisch? Früher, als Rechenpower noch knapp war, mussten sich Entscheider mit simplen Listen, Bauchentscheidungen oder Expertengesprächen zufriedengeben. Das war nicht mangelnde Klugheit, sondern schlicht notwendig. Seit KI und Algorithmen aber nicht nur musizieren und malen, sondern selbst die verzwicktesten Kombinatorikprobleme lösen, schieben sich die Grenzen. Theoretisch kann erstmals der ganze Horizont abgesucht, die Wirkung jeder Projektkonstellation ausgeleuchtet werden – Muster, die ein Mensch nie im Leben entdecken könnte. Kommunen etwa: Ein Stadthaushalt mit 81 Millionen Euro steht an, es warten 50 Vorschläge – von neuen Schulen bis zu digitalem Verwaltungskram. Rein mathematisch: 2 hoch 50 Alternativen! Selbst wer ein gesalbtes Händchen für Prioritäten hat, kann allenfalls einen Bruchteil sinnvoll abwägen. Was dabei nach Sachverstand aussieht, birgt die Gefahr von gravierenden Opportunitätskosten – schlicht deshalb, weil viele Chancen im toten Winkel bleiben. Das ist kein Vorwurf an Entscheider, sondern eine systemische Sackgasse. 'Nicht die Fähigkeit, sondern der genaue Blick auf das Ganze macht den Unterschied', sagt Rissel knapp. Das Bild aus dem 'Tal der kleinen Hügel' – ich gebe es zu – lässt mich nicht mehr los. Es passt zur Realität in Unternehmen, Gemeinden, in Ministerien. Niemand will ignorant sein, und doch handeln wir strukturell im Kleinen, so lange nicht Neugier und neue Technologien die Sicht öffnen. Also: Was sich heute berechnen lässt, sollte man ruhig auch berechnen. Es wäre ein Schritt heraus aus dem Tal – wenigstens einen Gipfelblick wert.

Klassische Entscheidungsfindung, die auf Erfahrung, Hierarchie und Konsens beruht, scheitert strukturell an der schieren Komplexität, sobald viele Alternativen im Raum stehen. Erst mit mathematischen Modellen und Algorithmen wie sie in den letzten Jahren durch den KI-Boom verfügbar wurden, lassen sich ganze Kombinationsräume überhaupt erstmal durchmessen – das setzt neue Standards für strategische Planung. Gleichzeitig warnen Experten, dass solche Werkzeuge neue Herausforderungen mit sich bringen: etwa Transparenz, ethische Fragen und die Gefahr, dass sich Entscheidungsträger blind auf Algorithmen verlassen (Quelle: u.a. Spiegel, Zeit, FAZ, Stand: 11. Juni 2024). Überdies wird auf politische und wirtschaftliche Einflussnahme verwiesen – gerade in öffentlichen Sektoren kommt der algorithmischen Entscheidungsfindung daher eine hohe Verantwortung zu. In einer kontroversen Debatte forderte zuletzt der Deutsche Städtetag, dass KI-unterstützte Verfahren mehr Transparenz und Kontrolle durch menschliche Entscheider benötigen, um gesellschaftliche Akzeptanz zu sichern. (Ergebnis aktueller Presserecherchen)

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