Handelspolitisches Tauziehen: Warum die EU vom US-Zoll-Urteil profitiert

Adam Posen – Chefökonom am Peterson Institute in Washington – sieht Europas Chancen nach dem jüngsten US-Zoll-Urteil. Für ihn hat die EU plötzlich weit bessere Karten gegen Trumps Zolldrohungen gezogen.

heute 16:59 Uhr | 2 mal gelesen

Dass der US-Präsident nicht mehr ganz nach Belieben mit Zöllen um sich werfen kann, ist eine bedeutsame Zäsur. Gerade jetzt, mit all den Turbulenzen rund um Ukraine, Unsicherheiten beim Dollar und Trumps launischer Außenpolitik, verschafft das bemerkenswerte Planungssicherheit. Adam Posen rät daher – in fast schon britisch-nüchternem Understatement –, die Europäische Union solle sich nicht beeilen: besser, sie agiere absichtlich langsam und leicht widerborstig gegenüber den USA. Also: nicht sofort alle Abmachungen erfüllen, stattdessen höflich Druck in vielen Details machen, die Uhr ticken lassen. Das verschafft Monate der Verschnaufpause. Zeit, gezielt Talente und Investorengeld aus den USA wegzulocken – gerade Wissenschaftler, Zukunftsforscher, kluge Köpfe mit Innovationsdrang. Und Kapital, das sich vor dem unsicheren Greenback oder dem amerikanischen Schuldendrama retten will? Her damit. Dass Trump jetzt beim Kongress vorsprechen muss, ist für Europa noch ein Joker. Jener Moment, den man nicht verstreichen lassen sollte. Übrigens – Ende letzter Woche hat das höchste US-Gericht mehrere von Trumps handelsfeindlichen Zöllen einkassiert. Die EU legte als Reaktion ein eigenes Zollabkommen auf Eis; Trump zwischendurch mit einem globalen 15-Prozent-Zoll als Muskelspiel.

Posen analysiert die aktuelle Lage nach dem US-Zoll-Urteil als günstige Gelegenheit für Europa, weil Trumps Möglichkeiten, Handelsabgaben zu verhängen, deutlich beschränkt sind. Mit 'slow walking' empfiehlt er eine bewusst zögerliche Taktik: Nicht übereilt den USA entgegenkommen, sondern kleine Streitereien ausfechten, um Zeit für strategische Neuaufstellungen im eigenen Interesse zu gewinnen. Ergänzend dazu legen aktuelle Medienanalysen (The New York Times, taz, Spiegel usw.) nahe, dass die EU in Sachen Handels- und Wissenschaftspolitik nun offensiv versuchen könnte, Talente wie KI-Spezialisten anzulocken – der Brain Drain könnte sich von den USA nach Europa verlagern, insbesondere da Europa politisch stabiler und wirtschaftlich attraktiver erscheint. Die Aussetzung der Ratifizierung des Zolldeals wird in deutschen Medien als gezieltes Druckmittel gewertet, um bessere Bedingungen für europäische Unternehmen im transatlantischen Wettbewerb zu erreichen. Mitte Juni diskutierten die EU-Finanzminister zudem, wie man mit internationalen Partnern – darunter auch lateinamerikanischen Staaten – neue Allianzen und Freihandelsabkommen schneller vorantreiben könnte.

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