Es gibt ja diese Beobachtung, dass manchmal andere schon ahnen, wer man ist, bevor man selbst so richtig kapiert, was Sache ist. Jens Spahn weiß davon ein Lied zu singen: Als Jugendlicher – irgendwo zwischen frühpubertären 14 und aufbegehrenden 16 Jahren – bemerkte längst nicht nur er, dass er auf Jungs stand. Einen fixen Schlüsselmoment? "So funktioniert das im echten Leben nicht“, sagt Spahn trocken; vielmehr sei seine Sexualität langsam Teil seines Alltags geworden. Interessant, dass ausgerechnet ein kleines Dorf wie Ottenstein, seiner Heimat, recht gelassen mit dem Thema umging. Sogar an der katholisch geprägten Schule, auf der er war – von manchen vielleicht als besonders konservativ eingeschätzt – fühlte sich Spahn nicht weniger angenommen als an irgendeiner Durchschnittsschule. "Eigentlich sind katholische Schüler auch erstmal ganz normale Kinder und Jugendliche", so seine lakonische Bemerkung. Erst später habe er gemerkt, dass sein Outing keineswegs der Regelfall war. In direkten Gesprächen mit anderen wurde ihm deutlich: Viele erleben Ausgrenzung und Angst – da war sein eigener Verlauf eher ein Glücksfall. Aber, ganz ohne Kratzer läuft es nicht ab: Spahn kennt die typischen Sprüche in Bars – wenn man eben aus dem Raster fällt, gibt’s auch mal dumme Kommentare. Das bleibt dann doch hängen.
Jens Spahn erzählt, wie sein Coming-Out von Eltern, Freunden und sogar im katholischen Schulumfeld überwiegend wohlwollend aufgenommen wurde. Allerdings erkennt er im Austausch mit anderen, wie außergewöhnlich sein positives Erlebnis ist, denn viele müssen mit Zurückweisung und Diskriminierung rechnen. Auch bei Spahn gab es negative Erfahrungen – insbesondere im Alltag; dennoch überwiegt bei ihm die Dankbarkeit für die Offenheit seines Umfelds.
Neuere Berichte zeigen, dass das Thema LGBTQ+ und Coming-Out in Deutschland weiterhin kontrovers diskutiert wird, etwa rund um die Rechte von queeren Menschen, den Umgang in Schulen sowie gesellschaftlichen Rückhalt. Laut aktuellen Artikeln wächst die gesellschaftliche Akzeptanz, gleichzeitig gibt es aber regionale Unterschiede und Sorgen um ein Wiedererstarken von Diskriminierung angesichts rechtspopulistischer Tendenzen. Offenheit von Persönlichkeiten wie Jens Spahn gelten dabei als wichtige Zeichen – aber es bleibt noch viel zu tun beim Thema gleichberechtigtes Miteinander sowie im Schutz vor Hass und Ausgrenzung.