Mal ehrlich, Baden-Württemberg wirkt derzeit ein bisschen wie ein politisches Reagenzglas. Laut einer aktuellen Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen – diesmal im Auftrag des ZDF – liegen die CDU und die Grünen Kopf an Kopf: Die Union käme aktuell auf 27 Prozent, die Grünen auf schmale 25. Die SPD will irgendwie nicht zünden (9 Prozent), FDP und Linke können mit jeweils 6 Prozent gerade so vor der Fünf-Prozent-Hürde durchatmen. Die AfD schleicht sich mit 19 Prozent irritierend weit nach vorne. Die ganzen Kleinparteien? Zusammengekratzt schaffen sie es gemeinsam auf 8 Prozent – aber das ist in Baden-Württemberg alles andere als ein Zuckerschlecken.
Wer jetzt seufzt und an Umfragenschwankungen denkt – zu Recht: 32 Prozent der Wählerinnen und Wähler wissen schlicht noch nicht, wen sie überhaupt wählen sollen. Das Wahlverhalten driftet, könnte man sagen. Rückblick: 2021 war die Sache klarer – die Grünen mit über 32 Prozent Rekordhalter, die CDU noch isolierter als heute.
Interessant ist jedoch, wie unterschiedlich die Regierung und die Oppositionsparteien wahrgenommen werden. Die CDU erhält für ihre Landespolitik einen mittleren Wert, die Grünen kommen noch etwas schlechter an, aber insgesamt: Meckern auf hohem Niveau. Die Oppositionsparteien – und da sticht vor allem die AfD mit einem Wert von minus 2,9 nach unten hervor – fallen eher durch Unpopularität auf.
Bei der Ministerpräsidenten-Frage ist das Bild dagegen plastisch wie ein Ölgemälde: Özdemir liegt mit 47 Prozent unangefochten vorn, weit vor dem CDU-Kandidaten Hagel (25 Prozent). Die Wahlverwandtheit zu Grünen-Spitzenleuten ist im Ländle spürbar, weit mehr als zur AfD oder den anderen. In Sachen möglicher Regierungsbündnisse bleiben die Wahlberechtigten zwiegespalten: Keine Zweier-Kombi weckt echte Begeisterungsstürme, am ehesten kommt noch eine grün-schwarze oder schwarz-grüne Koalition in Frage, wenn auch mit spürbaren Bauchschmerzen. CDU-AfD? Hier winken fast alle dankend ab.
Die Themen, die aktuell bewegen, überraschen nur bedingt: Die wirtschaftliche Lage steht ganz oben auf der Liste, dicht gefolgt von Bildungs- und Klimafragen, Infrastruktur-Problemen und der Zuwanderungsdebatte. Ziemlich viel, was den Südwesten beschäftigt – mit einer leichten Verschiebung je nach persönlicher Verortung.
Interessant, wem die Leute zutrauen, diese Themen zu wuppen. Wirtschaft? Mutterrolle für die CDU. Klima? Hier bleiben die Grünen fast unanfechtbar an der Spitze. Und beim Thema Schule sehen viele tatsächlich die CDU vorn. Wird sich das auch im Wahlresultat widerspiegeln? Glaskugel befragt: unklar. Die Daten entstanden zwischen dem 23. und 26. Februar, per Telefon oder Online. Fehlerbereich? +/- ein paar Prozentpunkte, wie immer bei so etwas.
Die politische Landschaft in Baden-Württemberg ist wenige Tage vor der Wahl äußerst beweglich. Die CDU hält einen hauchdünnen Vorsprung vor den Grünen, doch Cem Özdemir begeistert die Menschen weit mehr als seine Kontrahenten: Knapp jeder zweite würde ihn zum Regierungschef wählen. In puncto drängender Themen nennen die Menschen die Wirtschaftslage, Klimawandel, Bildung und Zuwanderung – und trauen in diesen Feldern vor allem den beiden großen Parteien Kompetenz zu, jedoch jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Ein Blick in aktuelle Presseschauen zeigt: Der Endspurt im Wahlkampf ist von Unsicherheit geprägt, vor allem, weil noch sehr viele Menschen keine klare Entscheidung getroffen haben. Die Tonlage bleibt angespannt, weil die AfD so viele Punkte einsammeln könnte wie nie – und Koalitionen mit ihr für die meisten trotzdem tabu sind. Cem Özdemir punktet nicht nur mit Bekanntheit und Charisma, sondern auch, weil er Wirtschafts- und Klima-Themen verbindend verkörpert; das macht ihn für breite Wählerschichten attraktiv. Die allgemeine Politstimmung bleibt geprägt von wirtschaftlichen Sorgen und wachsendem Misstrauen gegenüber etablierten Parteien, wie jüngste Berichte verdeutlichen.