Das sind die frisch gekürten Siegerinnen und Sieger des stern-Preises 2026:
"Dokumentation":
Katrin Wegner – Akutstation Psychiatrie – ARD Mediathek
Jury: Mitten in Hessen, in Groß-Umstadt, hat Katrin Wegner als Praktikantin und Beobachterin den Alltag einer Akutpsychiatrie miterlebt. Sechs Wochen lang, ohne TV-Team, aber mit viel Nähe, tauchte sie in Gespräche und Alltagserfahrungen der Patientinnen und Patienten ein. Dass die Gefilmten das Projekt unterstützten, verleiht der Reportage eine besondere Authentizität.
"Lokal":
Erik Westermann – Im Bann des Opfers. Anatomie eines Justizirrtums – Braunschweiger Zeitung / gemeinsam mit DER SPIEGEL
Jury: Westermann berichtet zunächst nüchtern über ein erschütterndes Verfahren zu vermeintlichem Missbrauch, dessen Wendung zum Justizskandal er dann penibel entflechtet. Seine Reflexion über die wandelnde Rolle als Berichterstatter macht das Stück eigenwillig und bemerkenswert – und einen Fehler des Systems sichtbar.
"Fotogeschichte des Jahres":
Emile Ducke – Die Schatten des Sieges – DIE ZEIT
Jury: Ducke dokumentiert auf seiner Syrienreise eindrucksvoll die fragile Zwischenzeit nach langem Bürgerkrieg. Zwischen Bauruinen, Kinderlachen und politischer Unsicherheit fängt er Momente ein, die Hoffnung und Furcht in Gleichzeitigkeit zeigen. Seine Bilder spiegeln den Neuanfang in einem zerrissenen Land, ohne dessen Wunden zu kaschieren.
"Investigation":
Nicole Rosenbach – Der Kinderpsychiater – Die Macht des Dr. Winterhoff – ARD Mediathek
Jury: Rosenbach seziert kritisch den umstrittenen Einfluss von Dr. Winterhoff im Jugendhilfesektor. Gründlich legt sie offen, wie seine fragwürdigen Methoden jahrelang Anwendung fanden und was das für betroffene Kinder bedeutete. Ein tiefgehender Einblick in Missstände der medizinischen Versorgung.
"Egon Erwin Kisch-Preis" (Reportage):
Philipp Daum – "Du bist wie ein Vater für mich. Nicht so ein Arsch wie mein letzter" – DIE ZEIT
Jury: Daum begleitet als Betreuer ein Camp für Jugendliche mit inhaftierten Eltern. Die Reportage glänzt durch Sensibilität und Nähe zwischen Autor und Teilnehmenden, bleibt aber stets reflektiert und gibt den Jugendlichen ihren Raum ohne Übergriffigkeit.
Weitere Informationen: www.sternpreis.stern.de
Pressekontakt: Anna Velken (RTL Deutschland, PR stern/stern+)
E-Mail: anna.velken@rtl.de | Tel.: +49 221-456-74305
Beim stern-Preis 2026 standen erneut anspruchsvolle Recherchen, fotografischer Wagemut und tiefgründige Reportagen im Mittelpunkt der Ehrungen. Besonders die Übergänge zwischen objektiver Beobachtung und persönlicher Teilhabe sind in diesem Jahr gleich mehrfach gewürdigt worden – sei es durch Praktika oder die direkte Mitarbeit der Autorinnen und Autoren in den Milieus ihrer Berichte. Neben den offiziellen Preisträgerinnen fiel auf, dass kritische Themen wie psychiatrische Versorgung, Justizirrtümer oder die Langzeitfolgen politischer Konflikte einen besonderen Raum bekamen – auch die Debatte um psychische Gesundheit und Machtmissbrauch im medizinischen Sektor wurde aktuell durch Beiträge etwa bei ARD, SZ und SPIEGEL neu angefacht.
Noch bemerkenswerter ist der Diskurs, der sich im Nachgang der Preisvergabe um ethische Fragen im Journalismus dreht: Wie viele Nähe ist zu viel, wann bewahren Reporter noch Distanz? In einigen Leitartikeln wurde erörtert, dass Storytelling und Empathie Fluch und Segen sind – ein Trend, der sich in anderen Award-Listen wie beispielsweise beim Grimme-Preis beobachten lässt. Überhaupt zeigt das journalistische Klima, gestützt durch digitale Plattformen und neue Dokumentationsformate, wie wichtig es ist, auch schwer greifbare oder intime Themen öffentlichkeitswirksam und verantwortungsvoll zu verarbeiten. Die mediale Aufmerksamkeit ist ein positives Signal für den Qualitätsjournalismus und könnte langfristig die gesellschaftliche Auseinandersetzung vertiefen und neue Maßstäbe auch für kommende Jahrgänge setzen.