Wer in dieser Saison die einst so pingelig planende Boomer-Generation beobachtet, merkt: Es zieht sie spontan wie selten in die Natur. Der berühmte "Super-September" – ja, der Begriff kommt inzwischen auch in Reisetipps vor – zeigt einen Trend zur Auszeit, zur Entdeckung von neuen (und ehrlicherweise auch alten, aber wiederentdeckten) Seen-Landschaften der Türkei. Weg vom Trubel Istanbuls, hinein in Regionen, wo schon mal eine Forelle durchs Wasser schnellt und Flamingos wie aus dem Nichts auftauchen.
Ein kurzer Sprung aus Istanbuls urbanem Chaos: Der Sapanca-See, getaucht in ein sattes Türkis, ist umgeben von dichten Wäldern und einem überraschend freien Vibe. Mit Rangerführungen, Vogelbeobachtung im Morgengrauen oder einfach einem Pi mal Daumen gepackten Picknickkorb bleibt es entspannt. Kartepe und der Wildpark sind nah, Maşukiye serviert beste Küche, und Übernachtungsoptionen gibt’s reichlich – von rustikal bis mondän.
Im Westen: Der kleine Abant-See bleibt das Gegenteil von All-Inclusive-Kleinstadt. Radtouren am Ufer, Reitwege im Nationalpark, Angeln am glitzernden Wasser – man könnte fast meinen, hier ist die Zeit stehen geblieben. Die Bungalows verstecken sich in den Wäldern wie zufällig verstreute Würfel, und spätestens beim ersten Bissen Forelle vergisst man alles andere. Noch naturnaher wird’s in Yedigöller: sieben Seen, entstanden durch uralte Erdrutsche, kaskadierende Wasserfälle und, wer hätte es gedacht, eine leise Ahnung von norwegischen Fjorden.
Nicht vergessen sollte man die stille Magie kleiner Städte wie Mudurnu oder Göynük; "Cittaslow” nennen sie das, was sie leben: Langsamkeit, Gastfreundschaft, ehrliche Küche.
Noch ein Sprung nach Süden, wo der Salda-See in der Seenregion (Lake District) mit seiner weißen Uferlinie spielt, irgendwo zwischen Karibik und Science-Fiction. Schwimmen, schnorcheln, surfen – hier darf’s auch mal krachen. Wer Abwechslung sucht: Antike Städte liegen wie Türstopper in der Landschaft, und im Sommer duftet die Luft nach Lavendel aus Akçaköy.
Im Herzen Anatoliens schlägt das salzige Herz der Türkei: Tuz Gölü, der Salzsee. Ein manchmal rosa, manchmal silberweißes Meer, in dem sich ganze Kolonien von Flamingos spiegeln. Jenes Spektakel ist, je nach Algenwuchs und Sonnenlicht, fast schon surreale Kunst.
Und noch weiter im Osten, schier endlose Weite. Der Vansee, groß wie ein eigenes Universum, bleibt das Königreich der Perlenmeeräsche; die anderen Seen wie Nemrut oder Otlukbeli zeigen Landschaften wie auf anderen Planeten. Wer von abgelegenen Abenteuern träumt und noch nie in einem roten, mineralhaltigen See schwamm – hier geht’s.
Nicht zu vergessen: Burgen, Stadtzentren mit Geschichte, bizarre Steinfelder, Wasserfälle, Frühstück auf Van-Art – und zwischendurch das Gefühl, die eigentlichen Attraktionen sind gar nicht das, was im Reiseführer steht, sondern all das, was man unterwegs spürt, schmeckt oder verpasst hat.
Die Türkei wird für die Boomer-Generation mehr und mehr zum Eldorado für spontanen, naturnahen Herbsturlaub – so viel ist sicher. Abseits ausgetretener Badepfade bietet der September eine Einladung in eine Welt voller versteckter Seen, kultiger (und manchmal fast verschwiegen wirkender) Naturlandschaften und ungewöhnlicher geologischer Phänomene: türkisgrüne Oasen, weiße Salzflächen, rosa Schimmer im Abendlicht und das nur ein paar Kilometer vom nächsten antiken Steintempel entfernt. Besonders spannend: Während Istanbul weiter pulsiert, setzen die versteckten Seenregionen (insbesondere Sapanca, Abant, Yedigöller oder Salda) und das Landesinnere neue Akzente im nachhaltigen und individuellen Tourismus – bestärkend ist, wie viele lokale Gemeinden inzwischen gezielt auf "Cittaslow", Biodiversität und regionale Küche setzen.
Zu den ganz aktuellen Entwicklungen: Laut mehreren Branchenberichten setzt sich der Trend zu "Spontanreisen im Herbst" durch, weil ältere Reisende gesteigerten Wert auf Umwelt, lokale Spezialitäten und Ruhe legen. Neue Projekte zum Schutz des Tuz Gölü und der Flamingo-Population sind angelaufen, wie vor kurzem in der "FAZ" berichtet wurde, und zahlreiche Unterkünfte an den Seen bieten mittlerweile geführte Fototouren zu den Wasserwelten an. Die politische Lage bleibt stabil genug, sodass Reiselustige flexibel und sicher bleiben können.