Schon wieder hagelt es Kritik an den Pünktlichkeitswerten der Deutschen Bahn. Diesmal sind es Daten des Start-ups Railwise, die Auftrag des 'Handelsblatt' infrage stellen, ob der ICE wirklich so pünktlich unterwegs ist, wie behauptet wird. Laut Railwise kamen im April nur 62,4 Prozent der Fernzüge pünktlich an. Die Bahn selbst nennt 64,4 Prozent – klingt wenig, aber diese Zahl ist ohnehin nur für Menschen mit guten Nerven. Noch bemerkenswerter aber: Wenn man Züge, die ganz ausfallen, mit einberechnet, sackt die Präsenz der Bahn weiter ab, auf magere 58 Prozent.
Interessant ist, wie unterschiedlich es regional zugeht: Der Süden – also Bayern – schneidet vergleichsweise gut ab (fast 66 Prozent pünktlich), aber in Nordrhein-Westfalen, dem Größten unter den Flächenländern, kommt die Bahn nur aufs berühmte „halbe Hund“. Acht der zehn problematischsten Bahnhöfe der Republik stehen dort, und in Minden rauscht die Pünktlichkeitsquote auf gerade mal knapp 39 Prozent (nur 61,2 Prozent verpassen die Zeitmarke um mindestens sechs Minuten, damit: Worst Case).
Die Bahn sieht das naturgemäß anders und verweist auf ihre eigenen, angeblich besonders präzisen Auswertungen. Die Schnittstelle „Timetable“, aus der auch Railwise die Rohdaten bezieht, sorge schon für ein realistisches Abbild des Betriebs – meint zumindest die Sprecherin. Zwischenfazit: Ein bisschen fühlt sich das alles oft so an wie bei der Deutschen Bahn selbst: Man wartet – auf Zahlen, die kommen, aber nicht ganz so wie versprochen.
Insgesamt zeigen die neuen Zahlen, dass die Pünktlichkeitsprobleme der Bahn wohl noch gravierender sind als bisher öffentlich zugegeben. Ein Grund für die Diskrepanz könnte darin liegen, wie Ausfälle und Verspätungen gezählt werden – ein alter Streitpunkt zwischen unabhängigen Datenanalysten und dem Konzern. Hintergrund ist auch die enorme Belastung etlicher Strecken durch Bauarbeiten, Personalmangel und marode Infrastruktur. In den letzten Tagen berichteten mehrere Medien außerdem über die jüngste Maßnahmenstrategie der Bahn, mehr Geld für Schienennetzsanierung und Personalaufbau zu investieren. Nach Recherchen von Zeit und FAZ betont die Bahn, man arbeite fieberhaft an Verbesserungen, doch Experten zweifeln, dass schnelle Wunder möglich sind. Zusätzlich sorgen geplante Preiserhöhungen im Fernverkehr und einstweilige Zugausfälle wegen Bauarbeiten weiter für Frust bei Reisenden.