DGB-Chefin widerspricht Forderungen nach längerer Arbeitszeit: Deutschland arbeitet genug

Yasmin Fahimi, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds, hält wenig von den jüngsten Vorschlägen aus der Politik zu längeren Arbeitszeiten und einer abermals höheren Altersgrenze. Ihre Kritik richtet sich gegen Äußerungen von Vizekanzler Klingbeil und CSU-Chef Söder.

heute 05:02 Uhr | 3 mal gelesen

Yasmin Fahimi findet deutliche Worte: Die Annahme, Deutschland brauche vor allem mehr Arbeit, hält sie für irrig. Im Gespräch mit dem 'Tagesspiegel' betont die DGB-Chefin, dass längeres Arbeiten zwar niemandem verwehrt werde, doch oft fehle schlicht die Möglichkeit – sei es durch gesundheitliche Gründe oder den schwachen Arbeitsmarkt für Ältere. "Über 55-jährige Arbeitslose – für die öffnen sich selten noch Türen zu guten Jobs", meint sie erkennbar ungehalten. Die Steigerung der Erwerbsquote sei aus ihrer Sicht weniger der Rente mit 67, sondern eher einer klugen Arbeitsmarktpolitik geschuldet. Die pauschale Forderung, alle sollten künftig einfach mehr arbeiten, greife viel zu kurz: Wer etwa in der Industrie bereits um seinen Arbeitsplatz bangt oder in Kurzarbeit steckt, für den wirken solche Parolen fast zynisch. Im europäischen Vergleich stünden deutsche Vollzeitkräfte ohnehin bereits nicht schlecht da – und die hohe Teilzeitquote sei eher ein Zeichen für gesellschaftlichen Fortschritt, speziell im Hinblick auf die gestiegene Erwerbstätigkeit von Frauen. Vorschläge wie die von Markus Söder, jede Woche eine Stunde länger zu arbeiten, hält Fahimi für "theoretisch-trockenes Zahlenwerk, das mit dem echten Leben wenig Berührung hat". Zudem sieht sie darin einen politischen Eingriff in die Tarifautonomie – eine Grenze, die für sie nicht überschritten werden sollte. Und zuletzt kann sie Klingbeils Sorge nachvollziehen, die SPD nehme zu sehr die Perspektive der Empfänger von Sozialleistungen ein. Sie fordert ihre ehemalige Partei dazu auf, das Profil wieder zu schärfen: "Kleinteilige Kompromisse bringen kein klares soziales Profil. Das braucht die SPD in diesen Zeiten aber dringend."

Die Diskussion um längere Arbeitszeiten und späteres Renteneintrittsalter bewegt Deutschland derzeit besonders stark – nicht zuletzt wegen der demografischen Entwicklung und Fachkräftemangel. Während Spitzenpolitiker wie Klingbeil oder Söder die Arbeitsleistung erhöhen wollen, stellt DGB-Chefin Fahimi klar: Das Problem liegt weniger in zu wenig geleisteter Arbeit, sondern vielmehr in der fehlenden gerechten Verteilung und in strukturellen Hürden, die etwa älteren Beschäftigten den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren. Neuere Debatten lenken den Blick weg vom Arbeitsvolumen hin zu Themen wie gerechte Erwerbsmöglichkeiten, Stärkung der Tarifautonomie und die Frage, wie soziale Gerechtigkeit im Arbeitsleben konkret ausgestaltet werden kann.

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