Manchmal fragt man sich, ob das Fernsehen nicht längst gegen Streaming-Giganten und Hollywood abgeschrieben ist – und dann feiert das ZDF in Cannes gleich vierfach Premiere. Dr. Nadine Bilke, ZDF-Programmdirektorin, bringt’s auf den Punkt: Derartige Erfolge machen Mut und unterstreichen das Engagement in der internationalen Filmszene. Tatsächlich räumten dieses Jahr Produktionen ab, die sowohl durch ungewöhnliche Geschichten als auch durch mutige Erzählperspektiven auffallen.
Nehmen wir 'Minotaur' von Andrei Zvyagintsev, der mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde: Ein russischer Unternehmer steht zwischen politischem Druck und privatem Chaos – Inspiration also nicht aus dem Lehrbuch, sondern mitten aus der zerrissenen Gegenwart, irgendwo zwischen der Härte von Claude Chabrol und der Drastik aktueller Kriege. Der Film entstand in Zusammenarbeit zwischen ZDF/ARTE, internationalen Mitproduzenten und dem feinen Spürsinn des Regisseurs für gesellschaftliche Verwerfungen.
Nicht weniger spannend: Valeska Grisebachs 'Das geträumte Abenteuer', das mit Laien aus Bulgarien arbeitet und eine etwas andere Art von Roadmovie erzählt – weniger spektakulär, dafür umso subtiler. Die Jury in Cannes sah’s offenbar ähnlich und zückte den 'Prix du Jury'.
In der Un Certain Regard-Schiene kam 'Everytime' von Sandra Wollner groß raus – ein Entwurf von Familie, wie sie vielleicht nie jemand erleben will, aber dennoch seltsam vertraut wirkt. Noch eine Auszeichnung heimste 'Elephants in the Fog' ein: Das stille Drama über eine nepalesische Gemeinschaft im Dschungel rückt Figuren ins Licht, die sonst kaum gesehen werden – ein Beispiel dafür, wie internationale Koproduktionen Horizonte verschieben.
Noch einen kleinen Nachsatz: Auch Volker Schlöndorffs Verfilmung von 'Heimsuchung' kam in Cannes groß raus – allerdings außer Konkurrenz. Es bleibt spannend, wie diese Filme jenseits der Festivalwelt ankommen. Übrigens, die Redaktion und Produktion sind so international gemischt wie die Stoffe selbst – vielleicht ist das längst das Geheimnis des Erfolgs.
Das diesjährige Cannes Film Festival hat einige Überraschungen geboten, besonders für das ZDF und ZDF/ARTE, die mit insgesamt vier Produktionen beachtliche Preise abräumten. Dass sowohl langjährige Größen wie Andrei Zvyagintsev als auch experimentierfreudige Regisseurinnen wie Valeska Grisebach ausgezeichnet wurden, zeigt, wie breit das Spektrum der geförderten Talente ist. Auffällig ist der Trend zu Ko-Produktionen über Länder- und Genregrenzen hinweg, der nicht nur neue Stimmen, sondern auch ungewöhnliche Geschichten ins Rampenlicht bringt. Laut aktuellen Artikeln auf internationalen Portalen wurde besonders hervorgehoben, dass europäische Koproduktionen und hybride Teams für kreative Brüche sorgen, die sich auch in den Filmen spiegeln. Zudem zeichnet sich in Cannes 2024 ein wachsendes Interesse an politischen Stoffen und Geschichten von Minderheiten ab, was sich in den Preisen für 'Minotaur' und 'Elephants in the Fog' widerspiegelt. Auch der Fokus auf Nachwuchsförderung und internationalem Austausch wurde vielfach gelobt – ein spannender Gegenentwurf zur oft homogenisierten Blockbuster-Landschaft.