Das größte Hindernis für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist oft nicht der Weg zur Haltestelle, sondern der Eintritt in Bus oder Tram selbst. Laut den aktuellen Empfehlungen dürfen zwischen Bordstein und Ein- bzw. Ausstieg maximal fünf Zentimeter Spalt bleiben – sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe. In der Praxis wird dieses Maß selten eingehalten. Nur bei etwa jedem fünften Straßenbahn-Stopp war ein ebener Zugang möglich. Noch drastischer sieht es beim Bus aus: Nur in drei Prozent der Fälle passte alles haargenau. Eine Rampe hilft zwar, kostet aber Zeit und ist im Alltag oft umständlich.
Ein weiteres Detail, das kaum auffällt, aber den Alltag erleichtert: Sitzgelegenheiten. Diese fanden sich erfreulich häufig an den getesteten Haltestellen – Rückenlehnen waren immerhin meistens dabei. Das Problem: Armlehnen, die das Aufstehen erleichtern, fehlten fast komplett. Gerade einmal elf Prozent der Sitzplätze hatten sie. Für viele Seniorinnen und Senioren oder Menschen mit Behinderung ist das ein echtes Defizit.
Für Blinde und Sehbehinderte gibt es andere Stolperfallen. Weit verbreitet sind Leitstreifen am Boden, die mit dem Stock ertastet werden können – diese gab es fast überall. Orientierungshilfen quer über die Wege, um die Haltestelle überhaupt zu finden, suchten Testende jedoch oft vergeblich. Besonders riskant wurde es, wenn in der Nähe Radwege verlaufen und keine Bodenmarkierungen vor möglichen Gefahrenzonen warnen. Nur ein Bruchteil aller Zugänge war entsprechend gesichert.
Der ADAC plädiert dafür, bei der Barrierefreiheit mehr Tempo zu machen. Das sei aber nicht so einfach, da Kommunen, Verkehrsbetriebe und Behörden alle mitwirken müssen – Zuständigkeiten sind oft unübersichtlich verteilt. Dazu kommt: Nach einem Umbau ist oft für Jahre Ruhe, obwohl sich technisch vieles weiterentwickelt. Die Zeiträume, in denen neue Verbesserungen verbaut werden dürfen, unterscheiden sich je nach Bundesland teils erheblich – zwischen zehn und bis zu 25 Jahren.
Beim Test zeigte sich auch: Die Aufmerksamkeit des Fahrpersonals spielt eine große Rolle. Wer beim Anfahren genau hinschaut und gut einparkt, macht vieles besser – der ein oder andere Zentimeter entscheidet. Schulungen, so findet der ADAC, sollten deshalb regelmäßig stattfinden. Man sieht schließlich nicht jedem an, welche Unterstützung gebraucht wird.
Barrierefreiheit geht aber über bauliche Maßnahmen hinaus. Es hilft, wenn Sitzplätze oder bestimmte Bereiche für Menschen mit Handicap freigehalten werden – Mitreisende könnten hier mehr Rücksicht nehmen. Digitale Fahrpläne oder Apps helfen inzwischen öfter mit Informationen zu Aufzügen oder Rampen. Allerdings bringen diese Hinweise wenig, wenn die Realität vor Ort ganz anders aussieht.
Der Test untersuchte 150 Haltestellen für Bus und Tram in zehn deutschen Städten, mit Schwerpunkt auf zentrale Ziele wie Behörden, Krankenhäuser oder Schwimmbäder. Bewertet wurden Zugänglichkeit, Ausstattung und Einstiegsbedingungen. Oft waren Menschen mit Einschränkungen selbst bei der Begutachtung dabei, um ein authentisches Bild zu erhalten.
Mehr Details gibt es unter adac.de
Der ADAC-Test zeigt deutlich: Die Barrierefreiheit an deutschen Bus- und Straßenbahn-Haltestellen ist noch lange kein Selbstläufer – und reicht oft nicht an die gesetzlichen Vorgaben heran. Zwar gibt es Fortschritte bei stufenlosen Einstiegen und Orientierungshilfen, doch gerade bei einfachen Maßnahmen wie Armlehnen oder sicheren Zugängen hapert es weiterhin. Gleichzeitig wurde in aktuellen Medienberichten betont, dass die Finanzierung in vielen Kommunen weiterhin strittig ist und der Flickenteppich unterschiedlicher Zuständigkeiten die Modernisierung verzögert. In anderen EU-Ländern, wie etwa Frankreich oder Schweden, wurde in den letzten Jahren konsequenter und schneller auf barrierefreie Mobilität umgestellt, wie Experten wie der Verkehrssoziologe Dr. Jens Hoppe mahnen. Indikatoren wie aufmerksames Fahrpersonal und digitale Hilfsangebote seien wichtig, können aber fehlende bauliche Maßnahmen allenfalls ergänzen. Der politische Druck für mehr Tempo wächst, zuletzt forderte auch die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Barbara Vieweg mehr verbindliche Pläne von Ländern und Kommunen.