Normalerweise beginnt Inklusion im Kleinen – manchmal aber wird sie groß gelebt. Der Campus Hörakustik in Lübeck bringt alles an einem Ort zusammen: Berufsschule, außergewöhnlich viele Fortbildungen, Internat und die praktische Ausbildung. Jedes Jahr treffen hier Auszubildende mit den unterschiedlichsten Hintergründen aufeinander, die, egal welche Voraussetzungen sie mitbringen, gemeinsam lernen und wachsen. Wirklich bemerkenswert: Hier wird Inklusion nicht als „Zusatzprogramm“ gesehen, sondern als essenzieller Auftrag verstanden – so zumindest schildert es Marcus Nissen von der Akademie für Hörakustik, der daran keinen Zweifel lässt: „Wir wollen, dass alle die Chance bekommen, ihren Abschluss erfolgreich zu meistern, ganz egal, womit sie kommen.“
Das Gütesiegel des SoVD Schleswig-Holstein – ein kleiner, aber gewichtiger Ritterschlag – belegt das gesellschaftliche Gewicht des Projekts. Der Verband, der schon seit über 100 Jahren für die Rechte von Menschen mit Behinderung kämpft, würdigt damit Initiativen, bei denen Inklusion nicht nur graue Theorie bleibt. Mario Eggers vom SoVD bringt es auf den Punkt: Am Campus werden Hürden abgebaut und Unterstützung nicht als Luxus, sondern als Normalfall verstanden.
Prof. Dr. Ulrich Hase, selbst Experte und langjähriger Verfechter der Teilhabe, bestätigt: Hörakustiker:innen wirken täglich als Brückenbauer:innen, die Kommunikationslücken und gesellschaftliche Barrieren für hörgeschädigte Menschen überwinden. Das, was in Lübeck entsteht, ist außergewöhnlich und zeigt, wie ernst der Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention hier genommen wird. Damit sind die Auszeichnung und der dahinterstehende Anspruch Antrieb und Verpflichtung zugleich.
Auch für Jens Rießen, Studiendirektor der Berufsschule, ist das Ziel klar: Stillstand kommt nicht infrage. Die Suche nach neuen Wegen, Inklusion zu leben und zu verbessern, bleibt Motor der Weiterentwicklung.
Nicht zu vergessen: Hörakustik ist mehr als Handwerk – sie ist Schlüssel zur sozialen Teilhabe, gerade in einer alternden Gesellschaft. Hörsysteme und Beratung öffnen Türen zu mehr Selbstständigkeit, Bildung und gesellschaftlichem Leben. So ehrt das Gütesiegel nicht nur den Campus, sondern den ganzen Berufsstand, dessen Arbeit vielen Menschen hörbar am Leben teilhaben lässt.
Mit dem Gütesiegel würdigt der SoVD die innovative und engagierte Inklusionsarbeit des Campus Hörakustik, der seit vielen Jahren bundesweit eine Vorreiterrolle einnimmt. Zentrale Merkmale sind individuelle Unterstützung, konkrete Barrierefreiheit und die gelebte Überzeugung, dass Ausgrenzung keinen Platz hat – belegt durch kontinuierliche Anpassung der Lernumgebung, Austausch mit Expert:innen und direkte Einbindung Betroffener in die Entwicklung der Angebote. Das verstärkte gesellschaftliche Bewusstsein für Inklusion, nicht zuletzt geprägt durch den demografischen Wandel und die Digitalisierung, macht Beispiele wie den Campus Lübeck so bedeutsam: Sie zeigen praktisch, dass Teilhabe mehr als ein Modebegriff ist.
Im Lichte aktueller Entwicklungen in Deutschland steigt der Druck auf Bildungseinrichtungen, Angebote künftig noch inklusiver zu gestalten – sei es durch digitale Barrierefreiheit, den Einsatz spezifischer Assistenztechnologien oder verstärkte Sensibilisierung im Kollegium, wie zahlreiche Stimmen aus Politik und Verbänden fordern. Zugleich gewinnen Gütesiegel und Zertifizierungen an Bedeutung, um Transparenz und Qualität in sozial relevanten Feldern nach außen sichtbar zu machen. In jüngsten Medienberichten (z. B. Deutsche Welle, Süddeutsche Zeitung) wird darüber hinaus auf bundesweite Herausforderungen hingewiesen: Neben praktischen Hürden (z. B. Mangel an Fachpersonal, technische Ausstattung) braucht es strukturelle Veränderungen, eine offene Fehlerkultur und politisch gewollte Ressourcen, damit Inklusion wirklich zum gelebten Alltag wird.