Christian Schmidt will keine Marionette sein, so viel ist klar – darauf legt er in seinem Gespräch mit der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung' Wert. Die Annahme, sein Rücktritt hätte mit amerikanischer Einflussnahme zu tun, lässt er nicht gelten: 'Ich habe meinen Entschluss freiwillig gefasst.' Dennoch spürt man zwischen den Zeilen, dass da mehr unausgesprochen bleibt – erstaunlich, wie die Diplomatie selbst im Privatgespräch ihre Masken behält. Er betont, sich nicht als Opfer fremder Politikerinteressen zu fühlen, mehr noch: Er fordert, dass Probleme nicht verschwinden, nur weil jemand den Stuhl räumt. Im Gegenteil, für Bosnien und Herzegowina stehen die Zeichen weiter auf Krise. Schmidt macht deutlich, dass Europa viel stärker selbst aktiv werden müsste. Das ewige Reagieren nervt ihn offenbar. Beispiel Gasversorgung: Die geplante Pipeline soll Bosniens Abhängigkeit von Russland brechen. Gebaut hätte sie ein amerikanisches Unternehmen, sogar mit Nähe zu Donald Trump, wie Schmidt beiläufig erwähnt. Aber: Die EU sperrt sich, weil Gas nicht als erneuerbar gilt – Bosnien bleibt also am russischen Tropf. Frust schwingt mit, wenn er fragt, wofür Europas Strategie eigentlich steht. Was seine Kompetenzen in Krisenfällen betrifft (Stichwort abtrünniges bosnisch-serbisches Gebiet): Da sei schnell Schluss mit der Theorie, dann zähle nur noch beherztes Eingreifen der internationalen Staatengemeinschaft. Dazu kommt seine große Sorge über die Flut an hasserfüllter, islamophober Rhetorik, vor allem angefacht durch Milorad Dodik. Schmidt nennt die Dinge beim Namen: Tiefsitzende Vorurteile, offene Beleidigungen, alte Wunden – und die Angst, dass all das Bosniens gesellschaftlichen Frieden gefährdet.
Christian Schmidt positioniert sich im Gespräch klar gegen jegliche Andeutungen von US-geprägtem Druck bei seinem Rücktritt und unterstreicht seine Eigenverantwortlichkeit. Er übt scharfe Kritik an der EU, die seiner Ansicht nach mehr gestalten als lediglich reagieren sollte, speziell beim Thema Energieunabhängigkeit gegenüber Russland. Seine Sorgen gelten nicht nur der politischen Instabilität und dem Einfluss separatistischer Kräfte, sondern besonders den zunehmenden antimuslimischen Anfeindungen, die sich in Bosnien breitmachen.
Recherchen zeigen zudem: Die aktuelle politische Dynamik in Bosnien wird von einer Mischung aus außenpolitischen Interessen, innerstaatlicher Polarisierung und mangelnder europäischer Initiative geprägt. Während die EU-Kommission aktuell Schritte Richtung Beitrittsverhandlungen geht, hemmen ethnisch begründete Konflikte und der russische Einfluss den Fortschritt weiterhin erheblich. Im Schatten internationaler Unsicherheiten verstärkt sich innerhalb Bosniens die Angst vor einer Verschärfung der Lage, mit wachsender Kritik an der bisher eher reaktiven Haltung deutscher und europäischer Außenpolitik.