Deutsche Industrie erneut im Chip-Engpass

Noch vor Kurzem lieferten die Halbleiterhersteller zuverlässig – nun herrscht wieder Ausnahmezustand in Deutschlands Industrie. Im Gespräch mit dem 'Handelsblatt' verdeutlicht der Elektronikbroker Noureddine Seddiki: Statt der üblichen zwei Monate Wartezeit müssen Unternehmen jetzt fast ein Jahr auf manche Chips warten.

heute 18:38 Uhr | 2 mal gelesen

Hier und da hört man, dass Halbleiterfirmen gar keine neuen Kunden mehr aufnehmen – eine seltsam paradoxe Situation in einer Branche, die sonst jeden Umsatz mitnimmt. Währenddessen wittern die Produzenten ein einträgliches Geschäft: Preiserhöhungen sind keine Seltenheit, gerade bei begehrten Speicherchips schießen die Kosten durch die Decke. Noch im Herbst war die Lage entspannter, jetzt bekommt man das Dreifache oder Vierfache berechnet – sofern man überhaupt beliefert wird. Auffällig ist auch, wie stark die Marktmacht bestimmter Zulieferer gewachsen ist, einige diktieren die Konditionen regelrecht. Die eigentliche Ursache? Laut Bo Lybaek von GPV schwappt eine Welle der Nachfrage durchs Land, angetrieben von boomenden Rechenzentren und dem KI-Boom. Peter Fintl von Capgemini beruhigt wenig: Die Engpässe bleiben, denn die Lieferketten sind träge und bestehen aus vielen abhängigen Gliedern, die partout nicht schneller wachsen wollen oder können. Manch eine Zukunftsvision könnte so an banalen Komponenten scheitern – manchmal fühlt sich Fortschritt eben wie Rückschritt an.

Die Lage der Halbleiterversorgung in Deutschland bleibt angespannt, sogar fast schon prekär. Aufgrund der AI-getriebenen Nachfrage und wachsender Rechenzentren explodieren die Lieferzeiten und Preise, während Zulieferer zunehmend rigide Bedingungen stellen. Viele betroffene Unternehmen hadern nicht nur mit gestiegenen Kosten, sondern auch mit der Ungewissheit, ob und wann sie ihre Bestellungen erhalten – zeitnah ist keine Besserung in Sicht. Aktuelle Recherchen unterstreichen die Ernsthaftigkeit der Situation: Der weltweit anziehende Bedarf – nicht zuletzt wegen KI-Anwendungen und der Elektromobilität – sorgt für einen anhaltenden Flaschenhals. Selbst neue europäische Halbleiter-Fabriken, wie sie vielerorts angekündigt werden, können den Umschwung nicht kurzfristig bringen, da Aufbau und Inbetriebnahme Jahre dauern. Die deutsche Bundesregierung versucht mit Förderprogrammen gegenzusteuern, doch die Effekte werden erst mittelfristig spürbar sein.

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