Manchmal fühlt sich das Gewicht der Geschichte an wie eine unter der Haut brennende Spannung. Der Sommer 1989 trug davon eine Menge – nicht nur in westlichen Wohnzimmern, sondern quer durch das damals noch halb-versteinerte Europa. Mikhail Gorbatschows Perestroika – man erinnert sich vielleicht an die alten Fernsehbilder voller Mantelsäume und vorsichtigen Umarmungen – eröffnete im Baltikum einen Riss im sowjetischen Beton. Ausgerechnet dort, wo Zwang und Fremdherrschaft jahrzehntelang zur Normalität geworden waren. Schon kurios, wie wenig unser Alltag heute davon weiß ...
Was folgte, war purer Mut. Die Menschen im Baltikum ließen sich nicht länger abwimmeln: Esten, Letten, Litauer – sie versammelten sich entlang der heutigen Via Baltica, nur mit Zetteln, Mund-zu-Mund-Propaganda und einem festen Ziel. Smartphones? Utopie. Trotzdem: Eine Menschenkette, feierlich und ernst, zog sich am Abend des 23. August 1989 durch die Landschaft, über 600 Kilometer, von Tallinn nach Vilnius, durch Riga hindurch. Fast zwei Millionen Menschen – keine Inszenierung, sondern ein kollektiver Schrei, so friedlich wie kompromisslos. Man muss sich das vorstellen: Die Hoffnung pulsiert, die Gefahr ist allgegenwärtig, dennoch wächst die Kette, Stunde für Stunde. Geschichten von Dirigenten, Funk-Redakteurinnen und Piloten, die aus dem Nichts Hoffnung säen – sie vermitteln, wie politischer Umbruch plötzlich ganz persönliche Gesichter bekommt.
Rückblickend betrachtet wirkt der 'Baltische Weg' wie ein Echo in die Gegenwart. Russlands Invasion in die Ukraine im Jahr 2022 hat die Angst zurückgebracht, dass auch das Baltikum wieder zum Spielball der Geschichte werden könnte. Diese 'neue Eiszeit' fühlt sich kalt und fremd an – und sie macht klar, dass die Freiheit dort nie selbstverständlich war oder ist.
Vieles verbindet sich: Die Schatten des Hitler-Stalin-Pakts, der stalinistische Terror mit seinen Deportationen und Verboten, das jahrzehntelange Warten auf die Selbstbestimmung – und dann dieser eine Moment im August, der nicht nur für das Baltikum, sondern für ganz Europa als Fanal der Hoffnung bleibt. Und vielleicht – so verrückt das klingt – erzählen solche Geschichten auch uns heute, mitten in den Komfortzonen der westlichen Demokratie, wie zerbrechlich Selbstverständlichkeiten sind.
Judith Voelkers Doku bringt genau diesen Drahtseilakt zwischen Rückblick und Aktualität auf die Mattscheibe. Die 45 Minuten laufen am 19. Januar spät nachts in der ARD und stehen danach online bereit. Länger war der Film bereits auf ARTE zu sehen. Hintergrundinfos, Pressebilder und eine ordentliche Portion baltische Melancholie gibt’s online beim SWR.
Ach, und bevor ich’s vergesse: Wer mehr erfahren will, klickt einfach auf die Links – oder staunt über die Fotos derer, die damals wirklich Gesicht gezeigt haben.
Der "baltische Weg" am 23. August 1989 war eine der größten und friedlichsten Demonstrationen für Freiheit: Rund zwei Millionen Menschen bildeten eine 600 Kilometer lange Menschenkette durch Estland, Lettland und Litauen, um auf die jahrzehntelange sowjetische Unterdrückung und das Unrecht des Hitler-Stalin-Pakts aufmerksam zu machen. Die Aktion gilt heute als Meilenstein der baltischen Unabhängigkeitsbewegung und markierte den Anfang einer neuen europäischen Ordnung, die in den 1990er Jahren die Selbstständigkeit der baltischen Staaten ermöglichte. Der russische Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 sorgt aktuell wieder für Unsicherheit in der Region und erinnert die baltischen Länder schmerzhaft daran, wie zerbrechlich Frieden und Souveränität sind. Laut Zeitungsberichten arbeiten die baltischen Staaten seitdem noch enger militärisch zusammen, planen massive Investitionen in Verteidigung und versuchen politisch das Europäische Bewusstsein für ihre verwundbare Lage zu schärfen. Zugleich erlebt die Zivilgesellschaft eine bemerkenswerte Renaissance im Engagement für Demokratie und Freiheit, was etwa in aktuellen Berichten der "Süddeutschen Zeitung" und der "FAZ" über Protestkultur, Geschichtsaufarbeitung und neue Sicherheitskonzepte deutlich wird.