Europäische Nachgiebigkeit gegenüber Trump: Zu freundlich, zu wirkungslos?

Für die Politologin Nathalie Tocci ist es Zeit, dass Europa gegenüber Donald Trump eine härtere Linie fährt.

heute 20:11 Uhr | 2 mal gelesen

Trump reagiert auf Stärke – zumindest, wenn man Nathalie Tocci, renommierte Politikwissenschaftlerin aus Italien, Glauben schenken mag. 'Immer wieder haben wir in Europa versucht, es mit Freundlichkeit oder Beschwichtigung bei Trump zu probieren. Es hat letztlich nichts gebracht', gibt Tocci im Gespräch mit dem Magazin 'Capital' offen zu. Länder wie Brasilien, Kanada oder Indien hätten im Umgang mit den USA mehr Selbstbewusstsein und Prinzipientreue gezeigt als die Europäer, kritisiert sie. Interessant, wie – ihrer Beobachtung nach – Trump zurückrudere, sobald ihm jemand mit klarer Kante entgegentrete. Und wozu noch Abmachungen mit den USA, solange Trump das Ruder in der Hand hat? Tocci versteht die enthusiastische Stimmung bezüglich der vielbeschworenen US-Sicherheitszusagen für die Ukraine kaum. 'Welchen Wert haben diese, wenn zugleich die Vereinigten Staaten mit Drohungen Richtung Grönland hantieren, die NATO-Garantie auf der Kippe steht und Trump in schöner Regelmäßigkeit Fantasiemaut und neue Zölle auffährt?' fragt sie ziemlich direkt. Ihrer Ansicht nach steckt dahinter Kalkül: Trump wolle eine Schwächung, ja, sogar eine schleichende Zersetzung der Europäischen Union erreichen. Tocci, die als Chefin des Istituto Affari Internazionali in Rom und als Beraterin für die EU-Außenpolitik beachtliches Renommee hat, spart an diesem Punkt jedenfalls nicht mit Kritik – und fordert von Europa mehr Selbstbewusstsein und eine, Zitat, 'politische Wirbelsäule'. Irgendwie schwingt in ihren Worten auch eine gewisse Resignation mit. Vielleicht, weil sie zu viele Male die Hoffnung auf einen Wandel im transatlantischen Verhältnis gehegt hat – nur um wieder enttäuscht zu werden.

Nathalie Tocci hält die vorsichtige Linie Europas gegenüber Donald Trump für gescheitert und lobt andere Länder, die mit mehr Entschiedenheit aufgetreten seien. Ihrer Ansicht nach bringt Sanftmut im Umgang mit ihm wenig – im Gegenteil: Europa müsse endlich klare Grenzen ziehen, da Trump aktiv an einer Spaltung der EU arbeite. Darüber hinaus stellt Tocci die amerikanischen Sicherheitsversprechen, etwa an die Ukraine, ernsthaft infrage, solange die USA unter Trump immer wieder an den Grundfesten des transatlantischen Bündnisses rütteln. Laut aktuellen Berichten wächst auch unter europäischer Diplomatie-Elite die Sorge, dass ein erneuter Wahlsieg Trumps zentrale Sicherheits- und Wirtschaftsbündnisse erodieren könnte. Einige Regierungen prüfen bereits, wie sie unabhängiger gegenüber den USA werden können – sei es durch militärische Eigeninitiativen oder neue Handelsabkommen mit anderen globalen Akteuren. Zeitgleich zeigt sich, wie groß die Erwartungshaltung an Europa ist, im Falle einer erneuten Trump-Präsidentschaft nicht in alte Muster der Nachgiebigkeit zurückzufallen.

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