Gaza: Reha-System vor Kollaps – Tausende hoffen vergeblich auf Prothesen

Gaza/München – Die Situation für Verletzte in Gaza spitzt sich dramatisch zu. Immer mehr Menschen – besonders Kinder – benötigen Prothesen, doch Material und Helfende fehlen. Transporte mit Hilfsgütern stecken an den Grenzen fest, während der Bedarf täglich wächst.

heute 08:05 Uhr | 5 mal gelesen

Wenn ich ehrlich bin, fällt es mir schwer, über solche Themen gelassen zu schreiben. Handicap International schlägt massiv Alarm: LKWs mit Hilfslieferungen bleiben seit März 2025 draußen, das Material für Prothesen geht zur Neige. Dr. Inez Kipfer-Didavi, die das deutsche Büro von Handicap International leitet, spricht von wachsenden Herausforderungen und einem Reha-Team, das mit den Anfragen längst überfordert ist – mehr als zehn Patienten schafft das sechsköpfige Team einfach nicht pro Tag. Die Geschichten von Kindern, die sich wünschen, ihre Beine würden wieder nachwachsen, klingen beinahe wie eine ungewollte Gedichtszeile, so herzzerreißend sind sie. Laut WHO gibt es fast 42.000 Schwerverletzte in Gaza, jeder Vierte davon ein Kind. Von den ohnehin spärlichen Reha-Einrichtungen funktioniert nur noch der kleinste Teil, meist nur notdürftig. HI erinnert an die eigene Geschichte: In den 1980ern begann alles in Kambodscha, weil es für die Landminenopfer keine anderen Perspektiven gab als selbstgebastelte Prothesen aus Bambus und alten Reifen. Dass vierzig Jahre später – heute, mitten in Gaza – wieder improvisiert werden muss, diesmal sogar mit Holzbrettern, während das passende Material gleich hinter der Grenze liegt: Wie soll man das nicht erschütternd finden? Ein Blick auf Mohamed, zehn Jahre alt, bringt alles auf den Punkt. Nach einer Explosion musste sein Bein amputiert werden, und er bekam erst eine improvisierte, noch instabile Prothese. Physiotherapeuten und Orthopädietechnikerinnen versuchen, ihn zu unterstützen, aber selbst sie wissen nicht, ob Material für eine endgültige Prothese reicht. Dass diese Ungewissheit in Gaza eher Alltag als Ausnahme ist, macht jede Statistik am Ende beinahe nebensächlich.

Die Rehabilitationsversorgung in Gaza steht am Rande des Zusammenbruchs: Seit Monaten erreichen keine Hilfstransporte mit Reha-Materialien mehr den Gazastreifen. Fast 42.000 Menschen, darunter Tausende Kinder, bleiben ohne adäquate Versorgung – weniger als ein Drittel der Reha-Einrichtungen sind noch funktionstüchtig, und selbst diese nur eingeschränkt. Berichte aus den letzten 48 Stunden untermauern diese dramatische Lage: Laut „Der Spiegel“ hat sich die humanitäre Gesamtsituation in Gaza weiter verschlechtert, die medizinische Versorgung ist praktisch völlig zum Erliegen gekommen und NGOs berichten von wachsendem psychischen Druck auf Ärzte und Betroffene. „Tagesschau.de“ bestätigt, dass viele Hilfsorganisationen ihr Personal abziehen oder nicht mehr nach Gaza lassen, da die Sicherheitslage unüberschaubar ist und die Versorgungslage trotz geschaffener Grenzübergänge weiterhin stockt. Die „taz“ thematisiert in einer aktuellen Analyse, dass Kinder in Gaza besonders leiden – nicht nur körperlich, sondern auch psychisch – und weist darauf hin, dass viele Kinder nach Amputationen ohne Aussicht auf Prothesen bleiben und die gesellschaftlichen und persönlichen Folgen unabsehbar sind.

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