Aufgerüttelt wirkte Joschka Fischer in seinem Gespräch mit Phoenix – beinahe, als würde er noch selbst im Außenministerium sitzen. 'Wir steuern geradewegs auf eine Zäsur zu – eine, die mit alten Gewissheiten brechen wird', sagte der ehemalige Grünen-Politiker, als wäre der Text auf der Zunge gewachsen. Fischer sieht die NATO schon fast als vergangene Idee, zumindest was Trumps Haltung angeht: 'Ich lese Trump so, dass er innerlich bereits mit der NATO abgeschlossen hat. Zuverlässigkeit? Fehlanzeige.' Überhaupt, die letzten Jahre: Gemütlich habe man sich in Sicherheit gewiegt, jetzt sei klar, wie dünn der Lack europäischer Stabilität in Wahrheit ist. Hinzu kämen – da blieb er vorneweg selbstkritisch – einige kapitale Fehleinschätzungen.
Auch der Blick nach innen schreckt Fischer nicht: 'Wir haben es nicht nur außenpolitisch, sondern in vielen Bereichen mit Berggipfeln im Nebel zu tun. Finanzielle Belastungen, ein ausgedünnter Sozialstaat, das enorme Tempo bei Digitalisierung und globaler Konkurrenz – Deutschland muss sich da kräftig strecken.' In Richtung Kanzler Merz – vielleicht ein ungewohnt nettes Wort – sagte er: 'Ich hätte Merz mehr Fortune gewünscht, einfach im Sinne unseres Landes.' Wohin geht die Reise? Europa weiter stärken oder einen Alleingang wagen? Letzteres, wie ihn manche Nationalisten forderten, hält er für eine 'epochale Fehlentscheidung, die alles infrage stellt, was seit 1949 aufgebaut wurde.'
Fischer warnt unüberhörbar davor, dass Europas militärisches Sicherheitsnetz ins Wanken geraten könnte, wenn die USA – speziell unter einer möglichen Trump-Rückkehr – ihrer Schutzgarantie für Europa den Rücken kehren. Deutschland, so sein Plädoyer, müsse sich endlich selbst behaupten und an Aufgaben wachsen, seien sie sicherheitspolitisch, wirtschaftlich oder digital – und den europäischen Kurs keinesfalls Nationalisten überlassen. Neuere Analysen zeigen übrigens, dass die US-Europapolitik bereits jetzt von Unsicherheit und strategischer Neuausrichtung geprägt ist, eine Einschätzung, die sich mit aktuellen Entwicklungen rund um die NATO und europäische Verteidigungsbestrebungen deckt. Die Debatte über Europas Rolle zwischen neuen geopolitischen Fronten (USA, China, Russland) wird immer lauter, und Stimmen wie die von Fischer mahnen zu mehr Selbstständigkeit.