Roderich Kiesewetter macht sich Gedanken über den gesellschaftlichen Zusammenhalt und formuliert einen bemerkenswerten Vorschlag: In einem Gespräch mit der „Welt“ spricht sich der außenpolitische Experte der Union für einen Austausch zwischen Bundespräsident, Kirchen, Gewerkschaften und Politik aus. Nicht die übliche Wehrpflicht-Diskussion steht für ihn im Vordergrund, sondern ein viel umfassenderes Gesellschaftsjahr, das junge Menschen vor die Wahl stellt – etwa zwischen Katastrophenschutz, Pflege, Bildungsprojekten, Integrationsarbeit oder dem Wehrdienst. Laut Kiesewetter sollten wir nicht einfach davon ausgehen, dass in Krisensituationen genug Hilfsbereitschaft da ist – Umfragen legen das Gegenteil nahe, viele könnten im Ernstfall sogar das Land verlassen wollen. Ein Pflichtjahr, so seine Überzeugung, könnte diesem Trend begegnen und für mehr Resilienz sorgen, auch wenn das natürlich hohe Kosten verursacht. Gerade jetzt, wo Programme wie „Kulturweit“ wegen Sparplänen gestrichen werden, hält er die Debatte für umso dringender. "Der ganze Fokus auf die Bundeswehr verschleiert, wie viel breiter die Aufgabe eigentlich ist – unsere Wehrhaftigkeit ist nicht nur militärisch, sondern auch gesellschaftlich gefragt," betont Kiesewetter. Politik müsse endlich offen benennen, dass Deutschland sich mitten in globalen und hybriden Bedrohungslagen befindet – und nicht einfach auf bessere Zeiten hoffen: „Russland definiert Krieg längst nicht mehr nur über Panzer, sondern auch über Informationskriegsführung und gezielte Störungen im zivilen Bereich." Er mahnt mehr Ehrlichkeit und den Mut an, unliebsame Wahrheiten auszusprechen.
Roderich Kiesewetter fordert eine ehrliche und breite Diskussion über ein verpflichtendes gesellschaftliches Jahr und schiebt die Debatte weg von der rein militärischen Wehrpflicht hin zu gesellschaftlicher Wehrhaftigkeit und Eigenverantwortung. Mit Blick auf aktuelle Risiken – von russischer Destabilisierung bis hin zum Verlust freiwilliger Programme – sieht er die Zeit gekommen, Verantwortung neu zu denken. Die von ihm angesprochenen Pflichtjahre könnten, so sagen auch heutige Sozialwissenschaftler, tatsächlich dazu beitragen, in einer fragmentierten Gesellschaft gemeinschaftliche Erfahrungen und mehr Resilienz zu stärken – auch vor dem Hintergrund einer veränderten internationalen Sicherheitslage und Debatten um hybride Bedrohungen, die deutsche Infrastruktur betreffen. Interessanterweise nehmen auch Stimmen aus der jüngeren Politikergeneration den Ball auf: Nach aktuellen Medienberichten prüfen etwa einige CDU-geführte Bundesländer Modelle für sogenannte Gesellschaftsdienste, und selbst im Bündnis 90/Die Grünen wird eine ergebnisoffene Debatte nicht mehr ganz ausgeschlossen. Wie sich die Diskussion entwickeln wird, dürfte entscheidend davon abhängen, ob die Politik es schafft, pragmatische und generationenübergreifende Angebote zu machen, die tatsächlich auf Akzeptanz stoßen – einer Umfrage von „Deutschlandtrend“ zufolge äußern etwa 53 Prozent der Befragten grundsätzliche Offenheit für ein Pflichtjahr.