Von den Ursprüngen in Babylon bis ins Herz Kairos (Teil 1)
Vor etwa 5000 Jahren beobachteten die Sumerer akribisch den Sternenhimmel – eine frühe Form von Wissenschaft, die in den Kalendern der Babylonier mündete. Ihr mathematisches Verständnis ließ sie sogar Sonnen- und Mondfinsternisse vorhersagen – im Grunde der Urknall der Astronomie. Jahrhunderte später erklären griechische Philosophen wie Thales und Aristoteles das Universum, ohne sich auf Götter zu berufen. Ihre Neugier und ihr Erfindungsgeist brachte erstaunliche Apparate wie den Mechanismus von Antikythera hervor – eine antike Maschine, die auch Harald Lesch ins Staunen versetzt. Das berühmte Museion von Alexandria – die vielleicht coolste Bildungsgemeinschaft aller Zeiten – sammelte kluge Köpfe von überall: Wissen aus Medizin, Mathematik, Philosophie und Physik kam hier zusammen. Doch mit dem Erstarken des Christentums unter Justinian wendete sich das Blatt – Vernunft wurde vom Glauben überlagert, Akademien geschlossen, große Denker gen Orient getrieben. Im Bagdad des 9. Jahrhunderts entsteht das "Haus der Weisheit", das zu einem Mekka für Forscher und Übersetzer wird. Das arabische Weltbild sieht Wissen als spirituelle Tugend. Bemerkenswert: Die älteste noch existierende Universität der Erde wurde 859 in Fès von einer Frau gegründet.
Harald Lesch führt durch eine Reise quer durch die Epochen und Kontinente, auf der deutlich wird, wie entscheidend das gesellschaftliche Klima für Innovationen ist. Im antiken Babylon und Alexandria wurden erste wissenschaftliche Fundamente gelegt, während Machtwechsel und religiöser Dogmatismus Fortschritte oft ausbremsten oder umlenkten. Die arabisch-islamische Welt bewahrte und erweiterte antikes Wissen, bis Universitäten im mittelalterlichen Europa neue Zentren des Austauschs wurden. Allein die Frage, warum und wann Wissenserzeugung erblüht oder erstickt, ist bis heute hochaktuell: Zuletzt zeigen aktuelle Kontroversen um Wissenschaftsfeindlichkeit, etwa im Kontext von Klimawandel und politischer Einflussnahme, dass geistige Offenheit keine Selbstverständlichkeit ist (vgl. zahlreiche Debatten auf taz.de und Zeit.de). Eine umso größere Bedeutung erhält Leschs Rückblick dort, wo er die wechselvolle Geschichte ins Heute spiegelt – mit erfrischenden Beispielen und mancher überraschenden Parallele. Neuere Erkenntnisse aus der internationalen Wissenschaftsgeschichte betonen zudem die Rolle von Netzwerken, Migration und dem „Kollaborationsklima“ für technische und gesellschaftliche Innovationen.