Neobroker in der Umbruchphase: Besteht der Markenkern bei ETF-Vergütungen?

Köln – Das nahende PFOF-Verbot in der EU entzieht Neobrokern einen wichtigen Teil ihrer Einnahmen – und das in einer Zeit, in der Profitabilität immer drängender wird. Max Biesenbach und Jakob Dipoli Wieser von Simon-Kucher beleuchten, warum die Diskussion über ETF-Bestandsprovisionen viel mehr ist als eine reine Frage der Vergütung.

heute 09:27 Uhr | 3 mal gelesen

Stellen Neobroker aktuell Überlegungen zu ETF-Bestandsprovisionen an, dann hat das wenig mit kurzfristigem Mitnahmeeffekt zu tun. Die neuen Regeln rütteln nämlich spürbar am bisherigen Einnahmengerüst – und das wirtschaftliche Potenzial von Provisionen ist unbestritten. Doch es geht längst nicht nur ums Rechnen: Wie viel vom alten Versprechen, transparent und fair zu agieren, bleibt übrig, wenn das Geschäftsmodell plötzlich wieder an klassische Bankpraktiken erinnert? Bestandsprovisionen sind im Wertpapiergeschäft nichts Neues, sie stehen jedoch seit langem unter Beschuss. Kritiker mahnen: Solche Provisionsmodelle machen Produkte teurer und schaffen – zumindest potentiell – einen Interessenkonflikt. Genau durch das konsequente Ausklammern dieser alten Mechanik und ihren Schwerpunkt auf kostengünstige ETFs haben sich viele Neobroker als Alternative zum klassischen Bankvertrieb positioniert. Disruption war gestern: Der Anfangserfolg der Neobroker basierte auf simplen Apps, niedrigen Preisen und rasantem Wachstum. Doch jetzt, in der Ära nach dem PFOF, wird Profitabilität auf neue Weise erreicht werden müssen. Das Timing könnte schlechter kaum sein – plötzlich braucht es neue Einnahmequellen. ETF-Bestandsprovisionen sind zunächst verlockend, weil sie nicht direkt als Gebühr auftauchen und das "fast gratis"-Versprechen scheinbar wahren. Wenn aber die Wahrnehmung kippt, ist das Vertrauenskapital in Gefahr. Im Plattformgeschäft wiegt das schwer. Vieles läuft jetzt auf eine Grundsatzfrage hinaus: Kurzfristig Margen sichern oder tragfähige Modelle für die Zukunft entwickeln? Andere Modelle – Abo-Services, Zinsen auf Nicht-Anlagegeld, Wertpapierverleih, eigene White-Label-Produkte und sogar eigene Handelsplattformen können alternative Wege bieten. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, umsichtig zu wählen, welche dieser Hebel nachhaltigen Mehrwert schaffen und das Vertrauen nicht untergraben. Ob die Neobroker ihren Start-Up-Geist mit erwachsenem Geschäftsinteresse versöhnen können oder ihr Alleinstellungsmerkmal verwässern, wird sich an genau dieser Kreuzung zeigen.

Neobroker sehen sich mit dem Auslaufen des PFOF-Modells gezwungen, alternative Ertragsquellen zu erschließen, um dauerhaft wirtschaftlich arbeiten zu können. Die Einführung von ETF-Bestandsprovisionen erscheint dabei verlockend, birgt jedoch Risiken für die ursprüngliche Markenwahrnehmung als günstige, transparente Anbieter. Viele Marktteilnehmer diskutieren derzeit, ob andere Strategien wie Abonnementmodelle, Wertpapierleihe, Zinsgeschäfte oder eigene Plattformen tatsächlich nachhaltiger sind. Laut aktuellen Analysen (z.B. von der BaFin und Verbraucherzentralen) wächst der politische und öffentliche Druck, Interessenkonflikte bei der Beratung auszuschließen. Überdies berichten Branchenbeobachter, dass auch andere europäische Märkte (Frankreich, Niederlande) mit ähnlichen Herausforderungen und Geschäftsmodell-Anpassungen ringen. Die Diskussion spitzt sich zu: Wieviel Kompromiss an alten Bankmodellen erträgt das Neobroker-Modell, ohne sein Profil zu verlieren?

Schlagwort aus diesem Artikel